4 Stühle

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Um den Esstisch herum stehen vier Stühle. Für jedes Familienmitglied gibt es einen Stuhl. Eigentlich herrscht keine Sitzordnung, aber im Laufe der Zeit siegte die Kraft der Gewohnheit, und jeder nimmt stets auf demselben Stuhl seinen Platz ein. Wenn man den Tisch verlässt, wird der Stuhl entweder mit Bedacht ganz an den Tisch herangeschoben oder man rückt den Stuhl beim Aufstehen unachtsam nach hinten und geht. Der Stuhl bleibt dann stehen. Henrick gefällt es, wenn der Stuhl einfach ohne Beachtung so bleibt, wie er gerade steht. Ihm gefällt es nicht, wenn der Stuhl akkurat an den Tisch geschoben wird. Am wenigsten gefällt ihm, wenn jemand um den Tisch herumschreitet, um alle Stühle bündig an den Tisch zu schieben. Er fühlt sich dann so, wie sich der Stuhl fühlen muss, nämlich gedrängt … in eine Position, die er als extrem beengend empfindet. Allerdings ist ihm auch bewusst, dass es geradezu krankhaft ist, wenn er um den Tisch läuft, um alle vier Stühle locker und, wie möglichst zufällig wirkend, vom Tisch wegzieht. Für ihn eigentlich befreiend.

Für die Stühle vielleicht auch!? – hätten sie Verstand oder eine Seele. Aber wie muss es auf jemanden wirken, der ihn plötzlich dabei ertappt, wie er einerseits berechnend, andererseits in gedankenverlorener Trance Stühle rückt? Gelegentlich denkt Henrick darüber nach, warum er das tut – Stühle verschieben. Und warum ist es ihm zuwider, wenn diese Stühle parallel und bündig zum Tisch stehen? Kann es sein, dass er die Stühle als Symbole der Familienmitglieder empfindet? Und was bedeutet dann der Tisch? – Der Esstisch ist wie eine Straßenkreuzung, ein Symbol für den Schnittpunkt des Familienlebens. Und er möchte nicht, dass sich die Familie in Reih-und-Glied aufstellt, sondern dass alle 4 ein lockeres und individuelles Zusammensein leben. Und dass jeder seinen Stuhl so stehen lässt, wie dieser gerade steht! Franziska Lachnit (2020)