Adventszeit bei den Gummibärchen

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von Gigi Louisoder

Gummibärchen leben gefährlich. Bereits im Erdmittelalter wurden sie von den vegetarischen Dinosauriern fast ausgerottet. Auf der Arche Noah fanden sie nur einen Platz, weil sie so wunderbar trösten konnten. Mit Ausdauer und Zähigkeit überlebten sie die Römer, die Kelten und die Germanen. Und dann endlich, nach so vielen Jahren langer Wanderschaft, fanden sie im Rheinland ihre Heimat. Dort wurden sie geliebt und waren in aller Munde. Und wurden zum Wahrzeichen dieser Region.

Fünf kleine Helden in rot, weiß, orange, grün und gelb. Die Forschung weiß, dass ihr Wesen aus Wasser, Gelantine, Zucker, Ananas oder Erdbeeren, Äpfel oder Zitrone, Orange oder Himbeeren besteht. Aber die Zusammensetzung, ihre DNA ist  noch immer ein Geheimnis. Sie sind nicht jedermanns Geschmack, aber jeder kennt sie weit über das Siebengebirge hinaus. Sie werden geliebt, genascht und vergeblich kopiert. Sie sind Seelentröster, fehlen auf keinem Geburtstag und sind begehrt bei Jung und Alt. Diese süße Symbiose zwischen den Gummibärchen und Menschen hatte zur Folge, dass die kleinen nackigen Bärchen inzwischen so manche Bräuche und Eigenschaften übernehmen und nachmachen, die sie sich bei den großen Zweibeinern abgeguckt haben.

Üblicherweise spazieren die Gummibärchen durch die Wälder und Auen des Siebengebirges. Andere raspeln zu Hause Süßholz. Oder kochen Gelatine. Aber am liebsten sitzen sie alle zusammen und spielen „Gummbärchen-ärgere-dich-nicht“. Alles in allem geht es gemächlich zu. Das ändert sich in der Adventszeit. Der Nikolaustag gefällt ihnen besonders, auch wenn sie dann schwer zu tun haben, weil sie den braven großen und kleinen Kindern diesen Tag versüßen müssen.  Das gelingt ihnen nur, indem sie sich in Tüten verstecken, aus denen sie mit Begeisterung befreit werden. Die anderen, die bösen Kinder, bekommen zur Strafe eine Rute. Dass eine Rute kein schönes und leckeres Geschenk ist, wissen die Gummibärchen, gibt es doch Tränen und Geschrei, wenn die Rute nur aus dem Stiefel schaut.

Am Abend des 6. Dezember, wenn alle Menschen schon in ihren Betten liegen, beginnen die Gummibärchen mit den Vorbereitungen für ihren eigenen Nikolaustag, den sie am 7. Dezember feiern. In der Nacht zuvor verpacken sie heimlich Geschenke für jeden Einzelnen ihrer Sorte. Und es gibt immer einige, deren schlechtes Verhalten bestraft werden soll. Da Gummibärchen mit Ruten nichts anfangen können, erfanden sie für die unfolgsamen Kameraden das Lakritz. Eine schwarze Masse aus der Glycyrrhiza glabra. Scharf, schwarz und ekelhaft. Wer so beschenkt wird, weint oft stundenlang. Einige Gummibärchen gehen aus Protest auf ihr Zimmer. Sie ziehen die Bettdecke bis über beide Ohren und warten auf den nächsten Tag. Die ganz schlauen und hinterhältigen Gummibärchen gehen heimlich in die Häuser der Menschen und stecken ihr Lakritz in die Tüten zu den Wein- und Fruchtgummis. Wir allen kennen diese Mischung.

Ansonsten sieht man die Gummibärchen während der Adventszeit nur selten. Es liegt wohl an dem Geruch von Zimtsternen, Spekulatien und Marzipan, der ihnen schwer in der Nase liegt und ihnen Übelkeit verusacht.

Anfangs dachten die roten und grünen Gummibärchen, dass sie farblich wunderbar auf die Adventskränze oder Christbäume passen würden und wollten sich deshalb aus der Gemeinschaft hinausmogeln. Aber das fanden die weißen, gelben und orangefarbenen gar nicht mehr lustig. Denn sie waren seit jeher zusammen. Nur so ergaben sie ein Ganzes. Wie die fünf Finger einer Hand. Die fünf Olympischen Ringe. Oder die fünf Tibeter. Keine Alleingänge! Entweder alle oder keiner! Nur so erkennt und liebt man sie auch. Im Übrigen ist der kollektive Zusammenhalten während der Weihnachtszeit fast überlebensnotwendig. Unzählige Zugereiste verdrängen jedes Jahr für einige Wochen die Gummibärchen auf eine Außenseiterposition. Da kommen plötzlich blaue Bären, weiße Schneemänner und bunte Engel ins Siebengebirge. Und jedes Jahr werden es mehr und mehr. Angeblich sind sie genauso süß und köstlich. Nur halt keine Gummibärchen.

Die Gummibärchen ziehen sich zurück und denken darüber nach, wie sie  diese Konkurrenz vertreiben lassen könnte. Kritisch betrachten sie sich gegenseitig. Sie finden sich auf einmal monoton, langweilig und viel zu ernst. Wie wäre es mit ein wenig Pep und Raffinesse? Und so probieren sie in ihrer Küche unter dem Siebengebirge Neues aus. Zuerst trinken sie heißen Glühwein. Den gibt es überall. Doch schon bald merken sie, dass sie davon unförmig und träge werden. Sie fangen an zu schwitzen und zu kleben. Nur ein beherzter Sprung in den eisigen Möschbach verhindert das Schlimmste. Dann essen sie verschiedene Lebkuchen. Davon bekommen sie  Bauchschmerzen. Und Krümel und Schokoladenglasur kleben und zwicken überall. Nein, es muss etwas Spritziges, Bekömmliches und Freundliches sein. Aber was? Sie grübeln und grübeln.

So wird es Heiligabend, ein Feiertag, der für die Gummibärchen nicht bedeutsam ist, aber sie hatten sich angewöhnt, an diesem für Menschen besonderen Tag wenigstens einen Piccolo zu trinken. Sie lieben es, wenn die prickelnden Luftbläschen in ihrem Gummibauch auf und ab tanzten. Dann fassen sie sich an die Pfoten und wirbeln lachend durch ihre Höhle. Dabei bemerken sie plötzlich  eine wundersame Veränderung. Ihre Mundwinkel lächeln! Ihre gelben, weißen, roten, orangefarbenen und grünen Gesichter sehen richtig fröhlich aus. Das gefällt ihnen so gut, dass die Gummibärchen fortan mit einem lächelnden Gesicht durch das Siebengebirge streifen und jeden, dem sie begegnen, froh machen. 

Auszug aus dem Buch: „Weihnachtsgeschichten aus dem Siebengebirge“, Wartberg Verlag, erhältlich in Bad Honnef bei Buchhandlung Werber und „Im kleinen Buchladen“ für 11,90 Euro