INTEGRATION: Engagement auf allen Ebenen   Teil 4

Ganz am Anfang schauten wir alle wie gebannt auf die Flüchtlingswelle, die nach Europa schwappte. Wochenlang. Täglich. Quasi live im Fernsehen. Anfangs war alles ganz weit weg. Dennoch waren die Bilder sehr schwer zu ertragen. Zu den besonderen Ursachen der Flucht nach Zentraleuropa gehören der Bürgerkrieg in Syrien, das Vorrücken und Anschläge der Taliban im Rahmen des Kriegs in Afghanistan sowie der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) im Irak und in Syrien, humanitäre Versorgungskrisen in Syriens Nachbarstaaten, bewaffnete Konflikte und humanitäre Krisen in Somalia, Sudan, Südsudan, Eritrea, Nigeria, der Krieg in der Ukraine seit 2014, sowie Armut und Arbeitslosigkeit in vielen Westbalkanstaaten. Zu den Faktoren, die die Flucht nach Zentraleuropa schubweise verstärkten, gehören der Zerfall von „Pufferstaaten“ wie Libyen, die relative politische Stabilität in reicheren Staaten Europas und die zeitweise Aussetzung der Dublinregeln in der EU. Der starke Anstieg im Sommer 2015 ging wesentlich auf akute Versorgungsengpässe in Flüchtlingslagern um Syrien zurück: Nachdem Staaten ihre Hilfszusagen an das UNHCR nicht eingehalten hatten (Deutschland etwa halbierte diesbezügliche Beiträge 2014), war der auf 1,3 Milliarden angesetzte UNHCR-Plan für syrische Flüchtlinge im Frühjahr 2015 nur zu 35 % finanziert. Folglich musste das UNHCR die ohnehin bescheidenen Zahlungen an regionale Flüchtlingslager kürzen, so dass deren Versorgung großenteils den Nachbarstaaten zufiel. Am 5. September 2015 entschied die deutsche Bundeskanzlerin in Absprache mit Ungarns und Österreichs Regierungen, dort festsitzende oder zu Fuß marschierende Flüchtlinge ausnahmsweise ohne Grenzkontrollen in Deutschland einreisen zu lassen, und sicherte syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen ein Bleiberecht in Deutschland zu. Somit war die Flüchtlingswelle „nicht mehr weit weg“, sondern ganz nah, auch in Bad Honnef. Einer der ersten syrischen Flüchtlinge hier war Adel Alkavaritt, Busfahrer aus Damaskus, der mit seinem Sohn nach Deutschland gekommen war. Seine Frau lebte zu der Zeit noch in der syrischen Hauptstadt im Kellergewölbe seines von IS-Terroristen zerstörten Hauses. 

„Wenn die Flüchtlinge bei uns ankommen, dann haben sie tote Gesichter“, sagte Rita Pütz, die damals jeden Mittwoch ab 15 Uhr das „Café International“ im und am Gemeindehaus der Adventisten, St. Göddert 3, organisierte. „Beim ersten Mal im April waren mehr Helfer dabei als Flüchtlinge. Das hat sich schnell geändert. Beim zweiten Treffen waren wir über 100 Personen“. Davon 70 Flüchtlinge. Vieles hat sich geändert. Heute können einige der „Gesichter“ wieder lachen. Obwohl, das was viele gesehen haben, werden sie wohl niemals vergessen: Mord, Folter, Vergewaltigung, Zerstörung aus nächster Nähe. In ihrer neuen Umgebung fühlten sie sich schnell wohl. Pütz: „Wir kommen mit allen gut klar, sie sind angenehm und gastfreundlich, wenn wir sie in ihren Unterkünften besuchen. Sie sind auf den unterschiedlichsten Wegen nach Deutschland gekommen. Nicht alle auf den hoffnungslos überfüllten Booten.

„Einige sind per Bus oder mit dem Flugzeug hierher gekommen. Manche sogar zu Fuß“. Nach dem unfassbaren Leidensweg der Geflüchteten zog Bad Honnef schnell alle Register der Integrationsarbeit. Auf städtischer wie auf privater Ebene. Einer der ganz vorne mit dabei war: Christian Adams, Ur-Ur Enkel des ersten Bürgermeisters der Stadt. Seite an Seite mit der Verwaltung kümmerte er sich um die Renovierung und Ausstattung der Unterkünfte, besorgte Möbel, Hausrat und Kleidung, stellte Kontakte her und organisierte Behördenfahrten. Aber nicht nur das. Einmal in der Woche lud Familie Adams (vier Kinder, ein Hund), 20-25 syrische Geflüchtete zum gemeinsamen Kochen und Klönen ein. Daraus entstanden nicht nur lose Verbindungen, sondern einige feste Freundschaften, die zum Teil bis heute halten. Zum Teil. „Hin und wieder fühlten wir uns eher ausgenutzt, manchmal sogar bedroht“.

Dennoch: „Diese Zeit war für die ganze Familie eine wertvolle Bereicherung“. Und da viele Geschichten, eben auch Flüchtlingsgeschichten, zum Glück ein Happy Énd haben, kommen wir zu Khunaf Darwish mit ihrem Sohn Mohammad (Momo), der während der Flucht aus Syrien Anfang 2016 in Griechenland zur Welt kam. Auch sie wurden von den Adam´s in ihrem Haus aufgenommen. Khunaf`s Mann Ahmad lebte noch bis 2018 ohne Geld und Handy in einem stillgelegten Fabrikgebäude in Griechenland. In einem Flüchtlingslager. Ein deprimierender Behördenmarathon begann. Denn: Kein Ausweis, kein Geld, keine Familienzusammenführung. Verzweiflung. Nach und nach beschafften die Adam´s alle benötigten Unterlagen.

Aus Alfter, Bonn, Essen, Dortmund, Duisburg und Saarbrücken. Adams: „Dabei mussten wir feststellen, dass es damals zwischen den einzelnen Behörden null Kommunikation gab“. Trotzdem: Nach zwei schier endlosen Jahren entspannte sich die Lage. Alle Dokumente lagen endlich auf dem Tisch des Hauses. Nur Khunaf´s Mann Ahmad fehlte noch zum perfekten Familienglück. Irgendwann 2018 durfte Khunaf ihren Mann im griechischen Flüchtlingslager besuchen. Der Flug dorthin wurde natürlich von den Adam´s gesponsert. Kurze Zeit später konnte Ahmad ausreisen. Inzwischen wurde Tochter Fina geboren. Die junge Familie wohnt nun in Bad Honnef. Happy End. Fortsetzung folgt. bö

Foto:

Integration: Khunaf und Ahmad aus Syrien mit ihren Kindern Momo und Fina.