Meine Mutter erzählte beim letzten Besuch von alten Briefen, die sie aufgehoben hatte und nun noch einmal las. Viele Briefe waren von ihrer besten Freundin, die – damals, als die Familie meiner Mutter nach Westen floh – in der DDR zurück blieb. Die Freundin schrieb oft mehr als 30 Seiten und erzählte von ihrem großen Liebeskummer. Andere Briefe hatte meine Mutter von einem Mann erhalten, den sie zufällig auf einem Bahnsteig getroffen hatte. Beide waren ins Gespräch gekommen und tauschten Adressen aus.

Er fuhr weiter nach Antwerpen. Meine Mutter nach Aachen. Daraufhin entwickelte sich eine freundliche, aber niemals intime Brieffreundschaft. Einmal trafen sie sich noch: Er war wieder unterwegs und zwar mit Zwischenstopp in Aachen. Er bat meine Mutter, ihn am Bahnhof zu treffen. Und so trafen sie sich ein zweites, aber letztes Mal. Inspiriert von diesen Erzählungen suchte ich im Keller nach den alten Briefen, die ich einmal bekam. Allerhand Zeug habe ich gefunden – es sollte endlich mal entsorgt werden!

Aber da waren keine Briefe. Wahrscheinlich sind die bereits einer meiner Entrümpelungsaktionen zum Opfer gefallen. Ein paar Briefe habe ich dennoch in einer Schublade: Erste Liebesbriefe. Dann die ausgiebige Korrespondenz mit meinem besten Kumpel, als er nach dem Abi nach West-Berlin abgehauen war, um dem Wehrdienst zu entkommen. Sehnsüchtig erwartete Briefe meines Cousins, den ich so bewunderte.

Ein paar wenige Briefe meines Ex-Mannes, die ich aufhob, um eine einst dagewesene Liebe in Erinnerung zu halten. Briefe meiner Tante, die nach Italien geheiratet hatte. Und viele Geburtstagskarten – die schönsten von meinem Schwiegervater, der so wundervoll und warmherzig seine Glückwünsche und Gedanken formulieren kann. Diese Briefe – handgeschrieben auf Papier – eine alte, archivierte Welt. Franziska Lachnit (2018)