AEGIDIENBERG:Wir sind hierhin gezogen, weil der Blick so weit ging“

Bürgerinitiativen können auch scheitern. Anders als in der kurzen, aber fulminanten Erfolgsstory aus der letzten HWZ zur Kardinal-Frings-Straße droht das gerade in Aegidienberg. Die acht Anwohnerhäuser des Wichfriedweg neben der geplanten Siedlung der GWG (gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft) des Rhein-Sieg-Kreises hatten sich zusammengeschlossen. Sie wollten ihren freien Blick über Westerwald einerseits und Siebengebirge andererseits verteidigen. Der ist allerdings auch beeindruckend. Man kann verstehen, wenn Frau Dr. Iris Meißner als Sprecherin der BI sagt: „Wir sind hierhin gezogen, weil der Blick so weit ging.“

Die Kuppe am Ortseingang Aegigienberg heißt seit jeher „Auf dem Kalt“. Oder „Op de Kalt“, „Zum Kalt“ oder schlicht „de Kalt“. Jedenfalls manifestiert sich im Namen, dass es um eine Frischluftschneise des sowieso schon recht frischen Aegidienberg geht. Hier ziehen kühle Winde in den Ort, hier ist es immer einige Grad kälter als am Platz vor der Kirche. Nicht abzusehen, wie sich diese Klimafunktion entwickelt, wenn dort erstmal 42 Wohneinheiten in sechs Gebäuden stehen. Die genau hier verbriefte Anfälligkeit der oberen Ackerschicht gegenüber Oberflächenwasser bei Starkregen allerdings erfährt durch die quer zur Fließrichtungen platzierten Gebäude eher eine Eindämmung bzw. Befestigung.

Das alles erfuhren die Anwohner erst durch eigene Recherche. Auch heute noch kennen sie weder das Wassergutachten noch sonst substantielle Erkenntnisse. Selbst vom Bauvorhaben an sich ahnten sie nur deshalb etwas, weil Vermesser samt anderer geschäftiger Gestalten auftauchten und markierten. Ganz zu schweigen von Fragen, ob die lokale Kanalisation leistungsfähig genug ist, wer dort hinziehen soll, wie die Zeitplanung aussieht. Das alles wurde erst vor zwei Wochen erstmals auf einer Sitzung des Bezirksausschusses erläutert, wobei einige Bereiche noch immer ungeklärt blieben.

Tatsächlich entstehen dort 42 Zwei- und Dreiraumwohnungen. Öffentlich gefördert werden sie nachhaltig für bezahlbaren Wohnraum sorgen und zunächst auch Flüchtlingen offenstehen. Adressiert sind sie wegen ihrer relativ geringen Größe an Paare und kleine Familien – prinzipiell gut geeignet z.B. für Pendler sowie für den Integrationsprozess von Neubürgern. Die Bebauung ist „locker“ – durchaus nicht stärker verdichtet oder höher als bei anderen Objekten in unmittelbarer Nachbarschaft.

Die sechs Häuser entstehen in drei Zweierreihen parallel zur Aegidienberger Straße. Ihre Zuwegung erfolgt zwischen den beiden Häusern der Reihen, also mittig, abgeschirmt und weit weg von sonstigen Anwohnern. Hier sind auch die Parkplätze untergebracht, ohne Andere zu stören. Der Abstand zur Grundstücksgrenze ist mit stets mehr als sieben Metern gut doppelt so groß wie vom Gesetz gefordert. Erdwärme kommt zum Einsatz.

Man könnte meinen: Die BI jammert auf hohem Niveau. Tatsächlich jedoch sind die Anwohner Opfer einer verfehlten und eigentlich nicht stattfindenden Informationspolitik. Bei allen positiven und „schonenden“ Aspekten der Planung bleibt anzumerken: Dieses Vorhaben ist aufgrund seiner Größe – selbstverständlich – von zentraler Bedeutung für Aegidienberg. Durchaus ein strategischer Schritt der Entwicklung dieses Ortsteils. Da ist Information zwingend.

Es nutzt den Betroffenen wenig, wenn der kommunale Planungschef und der Bauausschussvorsitzende der GWG im Bezirksausschuss erklären, dass sie dieses Defizit bedauern – sie sind und bleiben von Planung und Fortgang des Projektes ausgeschlossen. Aus Mangel an Kenntnis. Und es geht um eine Bringschuld, die nicht erbracht wurde. Was offensichtlich zahlreiche andere Aegidienberger ebenso sehen, wenn sie das Gespräch mit den Anwohnern suchen

Da ansonsten der Gesetzesrahmen – wie bei der GWG üblich – eingehalten wurde und schon ausgeschachtet wird, sind Chancen der BI auf Verhinderung des Projektes kaum absehbar. Es sei denn, die Initiative findet doch noch einen unerwarteten Hebel. Auf jeden Fall sollte der „Vorgang“ mahnen, es in Zukunft besser zu machen. Die Bürger sind der Souverän, und sie haben ein Recht auf adäquate Kommunikation. Frau Meißner und ihre Mitstreiter sind irritiert. Sie hätten gern mitgeredet, denn: „Hier geht ein Stück unseres Lebenstraums den Bach runter.“ bh