Das ging in die Hose

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Peter, gerade sechs Jahre alt geworden, kannte nichts Schöneres, als mit einer Schar anderer Jungen zu spielen. Draußen im Hof des Nachbarhauses oder in der alten Scheune von Bauer Ritz. Manchmal wanderte der Trupp bis zum kleinen Wäldchen am Ortausgang. Verstecken, Räuber und Gendarm, Cowboy und Indianer – das waren ihre Lieblingsspiele. In der Scheune und im Wäldchen konnte man auch prima klettern oder aus Stroh bzw. Ästen und Laub Hütten bauen. Die Nachmittage vergingen wie im Flug.

Peter verlor sich jedes Mal ganz und gar in diesen Spielen. Er vergaß, dass es auch noch eine andere Welt gab. Dass er irgendwann zum Abendbrot zu Hause sein musste. Einmal vergaß er, dass da ein dringendes Bedürfnis war. Es drängte und drückte, aber Peter war ins Spiel vertieft. Bis zu dem Moment, in dem sogar Peter einsehen musste, dass es unbedingt erforderlich war, den Heimweg anzutreten. Schweren Herzens verabschiedete er sich von seinen Kameraden und rannte in Richtung seines Zuhauses.

Allerhöchste Not! Endlich an der Haustür angelangt, fällt ihm jedoch der Fliederstrauch gegenüber der Tür auf. Als hätte er ihn zuvor noch nie gesehen, wurde er magisch von ihm angezogen: „Los, Junge! Klettere an mir hoch!“ – schien der Strauch zu flüstern. Peter konnte nicht widerstehen. Vergaß ein weiteres Mal das dringende Bedürfnis, das ihn eigentlich hierher getrieben hatte.

Er streckte die Arme nach den dünnen Ästen aus. Zog sich hoch und setzte einen Fuß nach dem anderen hinterher. Das Geäst gab nach, die Beine wurden auseinander gedrückt … und jetzt bahnte sich der innere Druck endlich den Weg nach draußen. Alles, wirklich alles ging nun in die Hose. Peter wurde abrupt in die Wirklichkeit zurückgeholt. Kletterte hastig und beschämt aus dem Strauch. Treppe hinauf. In der Küche saßen Mutter und Schwestern beisammen. Als sie das Malheur erkannten, fielen sie in herzhaftes Lachen. Peter allerdings kamen in diesem Moment die Tränen. Franziska Lachnit (2018)