Foto: 1979 rollte der Verkehr noch durch die Hauptstraße (l.) und dort wo heute das Rathaus steht, befanden sich Schrebergärten.

DAMALS: Vor 35 Jahren zog die Verwaltung in den „Weißen Riesen“. „Das größte Bauprojekt der Stadt“

Der Entschluss fiel wahrlich nicht leicht und schon gar nicht einstimmig. Fünfeinhalb Jahre vergingen zwischen Beschluss und Umzug. Aber, das historische  Rathaus am Markt und die weiteren über die Stadt verteilten Standorte für die Verwaltung der Kur- und Badestadt waren einfach zu klein geworden.

Dr. Johannes Wahl, damals Stadtdirektor, warb in einer Bürgerversammlung 1975 im Kurhaus mit starken Argumenten für einen zentralen Neubau: Der Zustand mit den fünf Dependancen sei bürgerfeindlich, die Verwaltungsabläufe daher schwerfällig und für die städtischen Bediensteten sei die Zersplitterung eine Belastung. In der Haushaltsrede, vorgetragen im Rat am 4. November 1976, erklärte er, dass „… die Bauaufgabe Rathaus einerseits mit der Stadtentwicklung im Kernbereich andererseits im äußersten Maß gleichzusetzen ist.“

Damals war noch lange nicht jeder Schreibtisch der Verwaltung mit einem eigenen Telefon ausgestattet. Boten und Auszubildende holten sich morgens Handwagen mit Post und Vermerken ab, die von Schreibkräften an mechanischen und elektrischen Schreibmaschinen getippt worden waren. Die Schriftstücke wurden zu Fuß in die Verwaltungsbüros verteilt. Kein Argument für ein zentrales Rathaus ist aus heutiger Sicht übrigens die damals bereits in den ersten Anfängen praktizierte „Datenfernübertragung“.

Ausgeschrieben wurde ein Gutachterwettbewerb unter dem Stichwort „Innenstadt und Rathausneubau“. Im Ratsprotokoll von der Sitzung am 15.12.1977 heißt es: „Der Rat beschließt, den von Prof. Schürmann gefertigten Entwurf für den Rathausneubau und die Tiefgarage in der vorliegenden Form … ausführen zu lassen, …“ Mit 24 gegen 10 Stimmen wurde der Beschluss gefasst. Die Baukosten wurden in der folgenden Zeit immer wieder diskutiert, da Mehrkosten zum Beispiel bei den Ausschreibungsergebnissen der Rohbaugewerke anfielen und für die Fassade aufgebracht werden mussten.

Im März 1983 war es soweit Der Einzug wurde geplant, Kisten wurden gepackt und das Umzugsgut mit Etiketten, die noch heute an vielen Einrichtungsgegenständen im Rathaus zu finden sind, versehen. Fast alle Möbel wurden – sparen war Gebot –mitgenommen. Mit Transportern der Stadtverwaltung, privaten Pkws der Mitarbeiter und einem Pferdeanhänger, der allerdings von einem Jeep gezogen wurde, wurden 130 Schreibtische und 11.000 Aktenordner bewegt. Die Honnefer Volkszeitung vom 14.03.1983, dem Tag an dem die Verwaltung nach nur zwei Tagen wieder für die Bürgerschaft geöffnet hatte, schrieb: „Wer ein Chaos befürchtet hatte, der sah sich allerdings enttäuscht – alles klappte generalstabsmäßig.“

Offiziell eröffnet wurde das neue Rathaus am 6. Mai 1983 vormittags mit einer Einweihungsfeier für geladene Gäste und nachmittags mit dem „Tag der offenen Tür“ für die Bürgerschaft, an den sich viele Bad Honnefer noch erinnern werden. In der Urkunde über die Schlusssteinlegung, unterzeichnet von Bürgermeister Werner Osterbrink und Stadtdirektor Dr. Johannes Wahl, heißt es: „Das neue Rathaus ist Ausdruck des Bewusstseins um die Bedeutung und Tradition städtischer Selbstverwaltung, verbunden mit dem Streben nach einer zeitnahen und zweckmäßigen Verwaltungstätigkeit.“

Ein halbes Jahr danach zog die Stadtbücherei aus dem Gebäude Ecke Hauptstraße/Kirchstraße ins Erdgeschoss des Rathauses. 1984 wurde das Rathaus für seine Architektur als vorbildliches Bauwerk im Land Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Die Plakette ist im Foyer zu finden. Am 1. Januar 1991 wurde Bad Honnef Mittlere kreisangehörige Stadt und übernahm die damit verbundenen zusätzlichen Aufgaben. 1997 wurden durch alle Büros EDV-Leitungen verlegt, um das Rathaus vollständig zu vernetzen. Das Bürgerbüro, entstanden aus dem Einwohnermeldeamt und anderen publikumsintensiven Bereichen, öffnete seine Pforten im Juli 2001 und am 1. Januar 2008 nahm das Jugendamt der Stadt seine Arbeit auf. 2011 erfolgte eine gründliche Sanierung des Dachgeschosses, um die Energiebilanz des Gebäudes den neuesten Anforderungen anzupassen.

Die Rathausbebauung wurde 2003 vervollständigt durch den Kunstraum unter dem Ratssaal, der auf Initiative aus der Bürgerschaft entstand und vom Verein zur Förderung von Kunst und Kultur in Bad Honnef e. V. getragen wird. Gestiftet von der Bürgerschaft wurde vor dem Durchgang zu Kirche und Innenstadt 2011 der Brunnen „Zeitenstrom“ errichtet.                                                                                                Christiane Pfalz

Erinnerungen

Blicken wir zurück: „Als die Entscheidung zwischen 1977 und 1979 fiel, ein neues Rathaus zu bauen, waren die städtischen Finanzen noch in Ordnung. Nur vor diesem Hintergrund konnten die entsprechenden Entschlüsse gefasst werden. Die rapide Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Lage mit ihren restriktiven Auswirkungen war zu diesem Zeitpunkt nicht erkennbar“, betonte der damalige Bürgermeister Werner Osterbrink, CDU. Für insgesamt 28 Millionen DM sei ein schönes Haus entstanden, das sich in das Gesamtgefüge der Stadt harmonisch einfügen werde. 6. Februar 1975: Der Rat beauftragt die Verwaltung, die Voraussetzungen zu prüfen, unter denen ein Rathaus entweder in der Innenstadt, oder in der Nähe des KSI errichtet werden kann. 8.Juli 1975: Der Rat beschließt die Durchführung eines städtebaulichen Wettbewerbs für das Stadtzentrum Bad Honnef. 19. Januar 1976: Der Haupt und Finanzausschuss empfiehl den Rathausbau in der Innenstadt. Der Rat stimmt zu. 16. Dezember 1976: Die Verwaltung wird beauftragt, einen Architektenvertrag mit Joachim Schürmann abzuschließen. 8.Dezember 1977: Schürmann erläutert den Entwurf des Rathausneubaues und der Tiefgarage. Der Rat beschließt die Ausführung des Entwurfes. Ratsmitglied Siegfried Westhoven spricht von einem „Jahrhundert-Bauvorhaben“. Die damaligen Ratssitzungen finden im „Konzertsaal des Kurgarten“ statt.

CDU, SPD und Bürgerblock legen einstimmig die Kostenhöchstgrenze fest: 12,5 Millionen DM. Die FDP will das Rathaus auf einen reinen Verwaltungsbau beschränken.

Die HVZ schreibt: „Bad Honnef hat nun die große Chance, durch ein zukunftsweisendes Konzept seinen Stadtkern mit neuem Leben zu erfüllen. Fußgängerzone und Ladenstraße, das alte Rathaus als Stadtmuseum und Bücherei, das Gemeindezentrum und die neue Rathauszone als Bürgerzentrum seien dazu angetan, dem innerstädtischen Leben neue Impulse zu geben“.

Die SPD träumt von einem Bürgerzentrum im neuen Rathaus mit Kinovorführungen, Begegnungs-und Freizeiträumen für alle Vereine, Fitnessraum und Kegelbahn, Kinderbetreuung und Bewirtungsmöglichkeiten mit Speisen und Getränken zu angemessenen Preisen.

Der „Krimi“ beginnt

Im Juli 1979 rollen die Bagger. „Die Bauarbeiten an der Tiefgarage gehen zügig voran“, schreibt der GA. Im August gibt es Zoff im Rat. Für 35.000 DM Honorar soll zusätzlich ein „Fassadenberater“ engagiert werden, so der Wunsch von Architekt Schürmann, „sicherheitshalber“. Man spricht öffentlich von „Erpressung“. Schürmann solle den Experten aus eigener Tasche bezahlen. Er tut es nicht, „zähneknirschend“ übernimmt die Stadt die Zusatzkosten.

Im September der nächste Schock: „Die Kosten der Tiefgarage um 100 Prozent höher. Bad Honnef im Sog der allgemeinen Kostenexplosion im Tiefbau“, schreibt die HVZ. Im November stellt der Rat fest. „Es sind bereits 6 Millionen verausgabt“. Die SPD fragt: „Soll das Projekt aufgegeben werden“? Die Gemeinde werde in „Schulden und Armut“ gestürzt. Die FDP will das Projekt nicht mehr mittragen. Die Grünen rechnen mit 30 Millionen DM Gesamtkosten und schreiben im November „eine Glosse aus der Zukunft“. Sie ahnten schon damals, vor über 30 Jahren, wie es heute aussehen würde: „Die Laternen sind ausgegangen, die Straßen voller Schlaglöcher, zwischen denen Kinder spielen, wobei sie ihre verfallenen Kindergärten und Spielplätze als Räuberhöhlen benutzen.

Vor Autos müssen die Kinder keine Angst mehr haben, die machen einen weiten Bogen um die Stadt. In ungepflegten Klassenräumen lernen die Kinder Rechnen, das, was die Rathausbauer von damals längst verlernt hatten“. Stadtdirektor Johannes Wahl sagt 1980 in einem Interview: „ Neues Rathaus wird kein luxuriöser Bau, im Gegenteil, es handelt sich um eine zweckmäßige und wirtschaftliche Lösung“. Im Februar 1981 sitzt der Rat wieder zusammen, „betroffen, verwirrt, enttäuscht“.

Mehrkosten von 5,8 Millionen DM stehen zur Debatte. Der Architekt begründet das mit gestiegenen Kosten bei der Technik, bei Rohbauarbeiten und bei den Fassadenarbeiten. „Jetzt kracht der Haushalt endgültig aus allen Nähten“, diktiert die SPD der HVZ ins Blatt. Die CDU fordert einen Untersuchungsausschuss. Die Grünen wollen den Bau verkaufen. Der Verwaltung wird vorgeworfen, ihrer Überwachungspflicht nicht nachgekommen zu sein. Zwei Monate später titelt die HVZ: „Rathaus wird weiter gebaut.

Nach harter Diskussion stimmte die Ratsmehrheit für eine durchgehende Baufortführung. SPD und Grüne sind dagegen. Die Architekten werden in der Ratssitzung scharf kritisiert“. Im Februar 1982 schreibt der Kölner Stadtanzeiger: „Von Anfang an hat das neue Rathaus seinen Planern und Bauherren Kopfschmerzen gemacht. Je höher sich der Gesamtkostenberg auftürmte, desto emsiger wurde das Projekt beschnitten. Man dachte sogar öffentlich darüber nach, dass die Toiletten ja nicht unbedingt gekachelt sein müssen…“ Im Juli schickt die SPD eine Mitteilung an die HVZ, mit der „Bitte um Veröffentlichung“.

(Anmerkung der Redaktion: Der damalige Bürgermeister Franz Josef Kayser ist gleichzeitig Vorsitzender der CDU und Herausgeber der HVZ). Die SPD spricht von einem „Debakel um die Rathaus-Finanzen“ und wirft der Verwaltung vor, die Angelegenheit „sei völlig aus dem Ruder gelaufen“. Und: Die Bürger müssten auf wichtigere Baumaßnahmen verzichten. Während der gesamten Bauphase diktiert der Rathausneubau die Schlagzeilen der Lokalpresse. Der ständige Schlagabtausch zwischen Stadtdirektor Johannes Wahl und der SPD ist für die schreibende Zunft ein gefundenes Fressen.

Für Wahl ist das neue Rathaus eine sinnvolle Maßnahme, für die SPD ist es einen „Provokation in einer Zeit, in der alle Welt vom Sparen spricht“. Im Mai 1983 ist fast alles vergessen. Das „größte Bauprojekt der Stadt“ wird feierlich eröffnet. Fünfeinhalb Jahre nach dem Ratsbeschluss mit 24 gegen 10 Stimmen bei einer Enthaltung. Werner Osterbrink ist inzwischen Bürgermeister. Er sagt. „Bei aller kritischen Betrachtung, der wirkliche Hintergrund für den Rathausneubau ist einerseits der Wunsch des Rates und der Verwaltung endlich und nach langen Jahren des Wartens sowohl den Mitarbeitern in der Verwaltung als auch den Ratsmitgliedern angemessene Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen.

Andererseits aber auch die vom Land konstatierte Bedeutung Bad Honnefs als Stadt mit zentralörtlichen Aufgaben“ Der Bau sei von kritischem Interesse einer breiten Öffentlichkeit begleitet worden. Osterbrink: „ In 27 Ratssitzungen haben wir unzählige Beschlüsse gefasst, insgesamt wurde in 80 Zeitungsartikeln über das Vorhaben berichtet. Nun hoffe ich, das dieses Rathaus von unseren Bürgern angenommen wird und dass es eine Stätte der Toleranz wird“. bö