Mein Großvater kaufte damals einen Wohnwagen. Nicht, um damit auf Reisen zu gehen, sondern als Gästezimmer für meine älteren Cousins und als Gartenlaube für den Sommer. Der – nicht mehr verkehrstaugliche und stark abgetakelte – Wohnwagen wurde eines Tages angeliefert, im Garten abgestellt und in den folgenden Jahren intensiv genutzt.

Aufgehübscht mit neuen Gardinen und Polstern sowie technisch aufgerüstet mit einem kleinen Fernseher und einem elektrischen Heizkörper war der Wohnwagen Lebensmittelpunkt unserer Familie. Im Sommer verbrachten wir dort unsere Ferien. Fenster geöffnet, Fernseher nach draußen gedreht und beschattet von einem Vordach erlebten wir im Garten Formel-1 und Wimbledon live.

Im Winter heizte mein Vater vor dem Wohnwagen – geborgen von Dach und Windschutz – mit seinem Kamin ein, den er aus zwei Zinkwannen gebaut hatte. Silvester, Karneval und zahlreiche Geburtstage haben wir mehr oder weniger trunken dort gefeiert. Das war natürlich später, als wir Kinder keine Kinder mehr waren. Immer wieder gespannt erlebten wir die Übernachtungen im Wohnwagen. Zuerst mit meiner Cousine – mutig, weil wir Sabotage von ihren Brüdern befürchteten.

Später mit meinen Freundinnen. Unbehelligt von Eltern führten wir Gespräche bis in die späte Nacht hinein. So offenbarte mir eine Freundin ihre Version des Geheimnisses um die Heilige Jungfrau Maria. Wenn wir mal „mussten“, wurde das unter dem Taubenschlag hinter den Fichten erledigt – möglichst ausgestattet mit Gummistiefeln, weil’s so spritzt, wenn man auf die nackte Erde pinkelt. Im Sommer roch das Innere des Wohnwagens muffig nach dem Staub des Winters. Im Winter dünsteten die Polster und Gardinen die schweißige Feuchtigkeit des Sommers aus. Der Wohnwagen war Heimat, bedeutete Familie und auch Abenteuer. Franziska Lachnit (2017)