Die Doppelgängerin

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Wie konnte sie ihrem Stil dermaßen untreu werden? Verlottert, ungeschminkt, mit abgetragenen Klamotten und zerzauster Frisur erscheint sie am Flughafen, um nach Deutschland zu fliegen. Ihre Haare sind leicht rötlich statt tief schwarz, ebenso gelockt – aber nicht mit Gel gestylt. Ihre Augen sind blass – beinahe wässrig, nicht von dunkler Intensität. Doch der Blick ist wie eh und je arrogant und vor allem distanziert. Die Haut wirkt fahl und trocken. Hatte sie nicht immer eine hitzige Röte im Gesicht? Und ein paar Schweißperlen auf Stirn und Hals?

Ihre Nase stippt unpassend zierlich und keck aus dem sonst konturlosen Gesicht. Darunter ziehen die dünnen Lippen eine gerade, strenge Linie. Nur, wenn ihr etwas missfällt, verändert sich diese Linie: Entweder bringt sie ein bedauernswertes Halblächeln hervor oder sie zieht verächtlich, aber kaum sichtbar die Mundwinkel nach unten. Doch zu farblos sind nun diese Lippen. Im Gegensatz dazu erscheint ihre Kleidung zu bunt. Und zu billig. Sie trägt eigentlich immer Schwarz-Weiß und Stoffe bester Qualität, oft maßgeschneidert. Jetzt hat sie sich in einen Farbtopf der Willkür geworfen – offenbar bei Woolworth.

Pastellig-melierter Mantel aus Kunstfaser. Flauschiger, mit bunten Glitzerfäden durchwobener Pullover. Eine herkömmliche Jeans, die unvorteilhaft die Oberschenkel umspannt. Und ihr Accessoire erübrigt jede Frage zum guten Geschmack. Ist sie noch sie selbst? Sie greift den Plastikbecher mit Cola in derselben Haltung wie ein Glas edlen Scotchs. Sie kaut mit derselben Missachtung den staubigen Apple-Cake wie sonst rohes Gemüse. Sie knabbert mit der ihr eigenen Fingerhaltung an den Nägeln. Sie muss es sein! Wenn auch so verändert. Oder ist es eine Schwester? Vielleicht sogar eine geheime Zwillingsschwester? Oder ist es doch nur der Doppelgänger, den jeder irgendwo auf der Welt hat? Franziska Lachnit (2019)