Wie lange ist es nun her, dass uns der Kaiser verlassen hat? – Schon eine ganze Weile! – Und bisher ist noch immer kein Thronfolger in Sicht. – Eigentlich nicht. – Oder doch? – Begibt man sich auf die Spuren von Tausend und einer Nacht – jenseits von Ladenleerständen und Billig-Discountern, so entdeckt man auch bei uns ein Tor, vor dem man die Worte „Sesam öffne dich“ nur denken muss – und eine kostbare Welt tut sich auf: Purpurne Granatäpfel glänzen wie faustdicke Rubine.

Kleine Broccoli-Sträuße zeigen sich schüchtern in jugendlicher Frische. Champignons, kräftig und erdig duften nach Wald und Boden. Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren so süß wie aus Großmutters Garten. Das fühlt sich ein bisschen nach Paradies an. Und wie im Paradies fühlte ich mich vor ein paar Tagen, als ich meinen heiß-geliebten, allerdings vom Rest der Familie gehassten Rosenkohl erstand und abends für mich alleine zubereitete. Denn erstaunt stellte ich fest: Kein langwieriges Putzen und Aussortieren der Röschen war nötig – alles war wie von Zauberhand schon vorbereitet.

Mit minimalem Aufwand brachte ich ein köstliches Mahl vom Topf und Ofen in meinen Mund. Märchenhaft! – Allerdings stellte ich mir die Frage: Wer hat den Rosenkohl so fein hergerichtet? – Ich dachte, es wäre vielleicht die Mutter im stillen Kämmerlein, die dort schält und aussortiert. Doch dann erzählte meine Freundin, wie sie – nachdem sie glücklicherweise ebenfalls das Tor zu den bisher verborgenen Schätzen geöffnet hatte – den Prinzen höchstpersönlich! beim Putzen und Knibbeln des Rosenkohls ertappte. – Kein Zauber also! Nur Handarbeit. Liebe- und wertvoll! Wenn ich also heute an die Zeiten der kaiserlichen Herrschaft zurück denke, so muss ich sagen, dass ich sie gar nicht mehr vermisse. Franziska Lachnit (2017)