Eigene Wege

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Er war fünf Jahre alt, als er zum ersten Mal seine Familie verließ. In ein kleines – mit Märchenfiguren bedrucktes – Taschentuch hatte er ein paar Süßigkeiten gepackt und das Tüchlein an einen Stock geknotet. Diesen Stock schulterte er und verließ das hölzerne, in den Dünen gelegene Ferienhaus. Mit energischem Gummistiefel-Schritt entfernte er sich durch das Heidekraut. Meter um Meter. Immer weiter.

Mama und Papa schauten ungläubig aus dem Fenster und erwarteten jeden Augenblick seine Umkehr. Doch er kehrte nicht um. Er wanderte hinaus aus ihrem Blickfeld und verkroch sich irgendwo in der blühenden Erika. Den Eltern fiel es schwer, ruhig zu bleiben und keine Sorge aufkommen zu lassen. Die Sonne senkte sich schließlich im Westen auf den Horizont zu und färbte den herannahenden Abend in blutiges Orange.

Noch immer war er nicht zurückgekehrt. Jetzt zog der Papa los, um seinen Sohn zurück zu holen. Erleichtert öffnete die Mama die Tür und ließ die Beiden hinein ins gemütliche Häuschen. Diesen ungeheuerlichen Mut, das elterliche Haus zu verlassen und eigene Wege zu gehen, brachte er in den darauffolgenden Jahren nicht mehr auf. Stattdessen verschanzte er sich und schürte im Inneren seine unfassbaren Ängste – solange bis deren Glut nicht mehr zu löschen war und jeder Weg zu einer Sackgasse wurde.

Wenn er sich jetzt noch retten wollte, müsste er springen! Wieder schnürte er ein Päckchen – diesmal gefüllt mit Dosenbier und Zigaretten – und begab sich zur höchsten Brücke weit und breit. Diesmal sollte es ein endgültiger Abschied sein! Der Papa wusste nichts. Konnte ihn nicht nach Hause holen. Es war ein Freund, der im letzten Augenblick in die Dunkelheit kam, um ihn an die Hand zu nehmen und aus dieser Sackgasse herauszuführen. Jetzt stiefelt er – mal ängstlich, mal zuversichtlich – auf seinem Weg, der ihn in die Ferne führt. Und niemals zurück! Franziska Lachnit (2019)