GESCHICHTE: Jochen Carsten stellt in Kürze sein neues Buch vor. 

Mein stets reges Interesse an der Geschichte der Franken blieb natürlich auch unserem Freundeskreis nicht verborgen, schon deshalb, weil ich ständig jedermann mit meinem Lieblingsthema behelligte. Freunde aus dem westlichen Nachbarland, aus Frankreich, blieben da nicht verschont. Die fragten dann schon mal, weshalb mich denn gerade die Franken so stark interessierten. Und immer antwortete ich wahrheitsgemäß, dass mir an der Geschichte des Franken-Stammes einfach deshalb liege, weil ich mehr über meine frühen Vorfahren wissen wolle.

In meinem Eifer fiel mir nicht gleich die etwas irritierte Reaktion unserer Franzosen auf, immer wenn ich für die Franken und mich das gleiche Pronomen verwendete und von „wir Franken“ und „uns Franken“ sprach und sie gar als meine Vorfahren bezeichnete. Als ich es schließlich doch bemerkte, konnte ich mir den Grund zuerst nicht erklären. Vor allem, weil  unsere Freunde in typisch französischer Zurückhaltung meine Ausführungen nie direkt kommentierten.

Nach und nach gaben sie dann aber doch zu verstehen, dass Ansprüche auf Zugehörigkeit zu den Franken vom Abkömmling eines Ostgebietes irgendwo da hinten am Main, welches ursprünglich nichts anderes war als eine fränkische, also ihre ehemalige Kolonie, dass solche Ansprüche ja  vielleicht verständlich seien, letztlich aber nur sie, die Franzosen, die wahren und angestammten Erben der Franken wären. So hatten sie es in der Schule gelernt.

Ich konnte mir zwar stets den Hinweis verkneifen, dass meine Landsleute an Main und Regnitz – Kolonialvolk oder nicht –  trotz inzwischen mehrhundertjähriger Eingemeindung in den Freistaat Bayern, sich eigensinnig nach wie vor als Franken sehen und auf dieser Stammeszugehörigkeit gar trotzig bestehen.

Allerdings kam mir auch nie in den Sinn, etwa die Ansprüche unserer Freunde anzuzweifeln. Sie sind schließlich historisch belegt und auch in Staats- und Volksnamen bekennen sich unsere Nachbarn deutlich zu ihrer fränkischen Abkunft. Freilich tun sie das auf ihre, bereits angeklungene Weise.

So kennt denn jedes französische Schulkind Chlodwig, den ersten gemeinsamen Herrscher über alle Franken, natürlich unter seinem französischen Namen Clovis und selbstverständlich als französischen König. Dessen Familie, die der Merowinger, hat in Geschichtsbüchern und den Königslisten unseres Nachbarlandes einen festen Platz und wirkt gar bis in die Kinderlieder, wo einer der Merowinger-Sippe, der „gute König Dagobert“ (le bon roi Dagobert) –  wenn auch ziemlich spöttisch –  besungen wird, den in Deutschland kaum Gymnasiasten kennen.

Fest steht, dass Clovis für Franzosen der eigentliche Begründer, gewissermaßen der Erzvater Frankreichs ist. Für Deutsche ist er eben mal ein Frankenkönig.

Auch Karl der Große gar gilt –  natürlich als Charlemagne – als wesentliche und unverzichtbare Größe der französischen Geschichte und damit des französischen Selbstverständnisses. Gemeinsam mit Clovis und dessen Merowingern führt er mit seinen Karolingern die Reihe der – wohlgemerkt französischen – Könige an.

Dabei ist es für unsere Nachbarn nebensächlich, dass sich zu Karolinger- oder gar Merowinger-Zeiten ein französisches Reich oder eine französische Nation noch weit unterhalb des geschichtlichen Horizonts befanden. Für das ausgeprägte nationale Selbstbewusstsein der Franzosen ist das ohne Belang. Jedoch, was die da gründeten, die Merowinger und was er dann noch erweiterte, der große Karl, das war eben nicht Frankreich – es war das Reich der Franken.

Aus dem freilich irgendwann Frankreich hervorging.

Aber wann genau und vor allem wie?

Darüber gehen dann die Meinungen schon einmal auseinander.

Für Charles de Gaulle jedenfalls stand fest, dass die französische Geschichte mit Chlodwig, Clovis, beginne, der zum „König Frankreichs gewählt wurde von den fränkischen Stämmen, die Frankreich den Namen gaben.“ Soweit der Staatsmann.

Die meisten Wissenschaftler kommen jedoch überein, dass mit dem Vertrag von Verdun im Jahr 843, durch den die Enkel Karls des Großen, Lothar, Ludwig und Karl (französisch: Chlothaire, Louis, Charles) das Karolinger-Reich in drei Teile, in Franken West,  Franken Ost und Mitte, zerlegten, dass mit diesem Akt also die nationalen Ursprünge Frankreichs und Deutschlands begründet wurden. Der Westen mutierte nämlich alsbald zu Frankreich und der Ostteil später zu Deutschland, wobei pikanterweise der westliche, der französische Teil, mit Karl dem Kahlen gleich einen gebürtigen Frankfurter als ersten Herrscher hatte. Der Vollständigkeit halber sei hier auch gleich gesagt, dass der Mittelteil seine Geburt nicht lange überlebte.

Mit dem östlichen Teil des Frankenreiches, der „französischen Kolonie“, deren Einwohner heute noch als Main- und Regnitz-Franken bekannt sind, durften wir uns an anderer Stelle bereits befassen. (Siehe J. Carsten, „Der Franken Weg“, Schardt-Verlag, Oldenburg) 

Aber auch ohne die chauvinistischen Bemerkungen unserer Franzosen war uns stets klar, dass eine Beschäftigung mit der Historie Ostfrankens, wie interessant immer diese gewesen sein mag, eben nur einen Teil der fränkischen Geschichte betreffen konnte. Das große, dem kleinen

Ostfranken gegenüber fast gewaltige Kernland, eben das spätere Frankreich, hatten wir nur insofern gestreift, als die dortigen Geschehnisse zur ostfränkischen Entwicklung beitrugen. Nach

Meinung unserer Franzosen sind damit aber wesentliche Teile fränkischer Geschichte zu kurz gekommen. Da Franzosen nun einmal gerne Recht haben, in kulinarischen Fragen ohnehin, ganz besonders aber auch hinsichtlich ihrer Geschichte, wollen wir nicht dagegen anreden, sondern uns ohne Murren daran machen, das Versäumte nachzuholen.

Dabei soll nun aber keineswegs eine Rangordnung dafür gefunden werden, wer denn wohl die echteren Franken seien. Und schon gar nicht wollen wir die lange Reihe wissenschaftlicher Traktate zu diesem Thema erweitern.

Bleiben wir unter uns Amateuren.

Ganz ohne historische Bezüge geht das freilich auch nicht. Aber man muss Geschichte doch nicht immer als trockene Wissenschaft servieren. Geschichte enthält zwischen den Zeilen oft so viel Kurzweiliges, dass sie gar nicht langweilig werden kann.

Gönnen wir uns doch einfach einen unterhaltsamen Weg der Geschichtsfindung. Stöbern wir nicht nur in verstaubten Folianten herum und bevölkern ebenso verstaubte Säle von Museen und Archiven. Werfen wir doch auch einmal einen Blick auf Orte, wo das alles passiert ist. Schauen wir, wie es da aussieht, ob es fränkische Spuren gibt oder Erinnerungen und wie die wohl beschaffen sind. Versuchen wir uns der Vergangenheit über Originalschauplätze zu nähern und folgen den Franken von ihren Ursprüngen in das nach ihnen benannte Land, nach Frankreich.

Alors, en avant vers le passé, auf in die Vergangenheit, wie der französische Franke vielleicht   sagen würde. Einverstanden, d´accord ? Suchen wir die Wurzeln der Franken, Pardon, ich meine natürlich der Franzosen. Sie wollen mitkommen? Das ist nicht schwierig…                                                                            

Jochen Carsten, der Franke, lebt seit 50 Jahren in Bad Honnef. Er war viele Jahre lang Senatspräsident der KG Löstige Geselle, er brachte Otto Neuhoff und Peter Profittlich am SIBI Physik bei, und er ist heute noch sehr aktiv beim TV Eiche und im Partnerschaftskomitee Bad Honnef-Berck sur Mer. Außerdem ist er gnadenloser „Staatsanwalt“ am Bad Honnefer Narrengericht (Foto).