HWZ vor Ort

Wir wollten wissen, wie eine Markthalle aussieht und wie sie sich anfühlt. Nicht in Frankreich oder Spanien, sondern im Rheinland. Wo es bisher nur eine Markthalle gibt. Die steht in Köln – wohin wir stets gern fahren. Die Einrichtung richtet sich an urbane Kunden, und Köln ist nicht Bad Honnef. Der Besuch half dennoch, tragfähige Eindrücke zu gewinnen.

Belgisches Viertel, Maastrichter Straße 45, breite Passage in einen großzügigen Hinterhof. Die Hallenfront als Rundbogen über die ganze Breite lädt freundlich ein. Bevor die Schwingtür erreicht ist, fragt schon Jemand hinter uns, wie es gefällt. Das HWZ-Expeditionsteam musste nicht suchen, denn schon hatte es die Markthallen-Macher kennengelernt. Renate und Ulrich Engels richteten lange Möbelhäuser ein – und konzipieren jetzt eine andere Welt: die Besucher entschleunigen, sie für eine Weile aus dem Alltag holen, Kommunikation organisieren. 25.000 Menschen wohnen im Belgischen Viertel, genauso viele in Bad Honnef. Ehrenfeld und die Innenstadt steuern Kunden bei, andere kommen gezielt aus dem Umland. Alle Altersgruppen, Senioren in ähnlicher Zahl wie Junge.

„Du brauchst nicht die Auswahl; Du brauchst punktgenau das, was die Leute suchen.“ Ulrich Engels macht diesen weisen Spruch. Also gibt es jedes Geschäft nur einmal: einen Bäcker, einen Fleischer, einmal Wein, einmal Feinkost, einen Gemüse- und einen Blumenladen. Ein Café, mittags wenige Gerichte auf kleiner Karte. Allerdings zwei bestuhlte Inseln zum Verweilen und zur Kontaktpflege, diverse Stehtische und Möglichkeiten zum Anlehnen. 420 Quadratmeter bietet das Ensemble. Im Schnitt brauchen die Stände 30 Euro am Tag zur Erwirtschaftung der Miete. Die Preise sind entgegen aller Ahnungen vernünftig. Capucchino 2,50, Brot und Gemüse absolut normal, Blumen ebenso, französische Feinkost im Rahmen. Zweimal wöchentlich steht ein Fischwagen vor der Tür mit den üblichen Konditionen. Nur das Fleisch ist teuer, immer biologisch, wildlastig; der Metzger ist auch Berufsjäger und schlachtet auf dem Land.

Philosophien gibt es viele. Geschichten auch. Der Wein ist ökologisch, kommt aus der Pfalz. Sein Erzeuger will als Visionär bald in Köln keltern. Die Etiketten entstammen einer Kooperation mit der Kölner Street-Art-Szene, die Künstler freuen sich über einen kleinen Profit. Die Bäckerei ist seit 1971 erfolgreicher Familienbetrieb im Agnesviertel, arbeitet dort noch mit Natursauerteig und betreibt neben ihrer Produktionsstätte samt Marktwagen den Stand in der Halle als einzige Filiale. Feinkost heißt hier „Terre de Provence“; jeder Käse, vier Sorten Oliven, das Öl (von der Coopérative bei Arles), jedes Produkt kommt von namentlich ausgewiesenen kleinen südfranzösischen Erzeugern. Unsere dringende Ahnung trifft zu, dass die Schweine für die Würste („Saucissons“) selbstverständlich frei laufen – und das natürlich am Mont Vertoux. Selbst das Essen ist besonders: Wechselnde Teams junger Leute bereiten es zu – und nennen sich „Guerilla-Kitchen“. Schöne an diesem Abenteuerspielplatz der Kommunikation ist, dass die Anekdoten schlüssig sind und offensichtlich zutreffen. Was übrigens in Bad Honnef kaum anders wäre.

Was kann mensch lernen? Oder konkret: Inwieweit hilft diese Markthalle, ein ähnliches Projekt im ehemaligen Honnefer Kaisers Markt zu realisieren? Zunächst fällt ein ganz wesentlicher Unterschied auf: In Köln geht es um ein maßgeschneidertes Angebot in einem Szene-Viertel mit Edeka und Rewe ums Eck, in Bad Honnef braucht es eine Grundversorgung in der City. Weil es eine solche nicht mehr gibt, und will die Innenstadt deswegen verödet. Also wird wichtig sein, den richtigen Ankermieter zu finden. Einen kleinen Sortimenter, der die Waren des Alltags bietet und grundlegende Bedürfnisse befriedigt. Was keineswegs unmöglich ist, wie wir nach ersten Anfragen wissen. Was wir sahen, war bereichernd. Das Konzept eignet sich mit kleinen Modifikationen auch hier. Sogar die Kundschaft wäre gar nicht so verschieden vom jungen Cafépublikum über auf ein umfassend alltagstaugliches Gesamtangebot angewiesene Senioren, von Besorgungen erledigenden Einkäufern über Mittagstischler aus Büros bis hin zu Hautevolée und Lokalgrößen. An solchen Orten können sich Alle wohlfühlen. Normalos, die gar nicht wenigen hiesigen Studierenden, Einkäufer für die Familie, Alte und Junge, Jeans und Kaschmir, ökologisch Bewusste und auch hochgetragene Nasen von Besseren. Es könnte passen. Und der Innenstadt neuen Atem geben.

Die ehemalige Kaiser’s Immobilie ist fast anderthalb mal so groß. Sie böte mehr Anbietern Platz. Auf nur einem Stockwerk bräuchte sie – anders als in Köln – keinen Aufzug, wäre von der Grundanlage her barrierefrei. Auch sie böte Raum für Veranstaltungen und Events, eignete sich zudem als potentieller Anker für diverse Stadtfeste. Das Dachmarkenlogo mit Herz im Wappen sollte den Zugang zieren, denn hier gäbe es Aussicht auf „Lebensfreude verbürgt“. Wenn ein entsprechendes Szenario an Fördergeldern eröffnet werden kann, dann fiele es der Stadtregierung ziemlich schwer, sich herauszuhalten. Denn eine akzeptable Grundversorgung in der City samt deren Belebung und Unterstützung der Geschäftswelt mag durchaus als Chefsache gelten. hb