DOLCE VITA: Gelateria Alessandro als Kommunikationsmittelpunkt

Wer mit Alessandro über Alessandro sprechen will, muss zunächst ein Thema absolvieren, das aktuell Allen im Ort am Herzen liegt: Was wird aus Rhöndorf, wenn „Auf Penaten“ gebaut ist? Alessandro gibt selbst keine geballte Meinung zum Besten, stellt aber umso mehr Fragen. 127 Wohnungen, ein großer REWE, Getränkemarkt, Gastronomie – alles auf engem Raum. Braucht Rhöndorf so etwas? Bleibt Rhöndorf dann jenes Rhöndorf, das einen Ruf zu verteidigen hat. Und zwar einen guten.

Alessandro betreibt seine Gelateria mit Begeisterung. Eis ist seine Passion – und sein Kosmos. Er passt gut nach Rhöndorf. Das Besondere dieses Teils von Bad Honnef ist, dass dessen Hotspots sich in der Tat über den gesamten Ort verteilen. Kein Dorfzentrum mit umgebender Ödnis, sondern gleich mehr als einige attraktive Lokationen. So gut verteilt, dass der Weg von der einen zur anderen jeweils auch mit Gehhilfen kommode zu bewältigen ist.

Mindestens vier Restaurants von Ruf – eins nah beim Ziepchesplatz, eins am Turm, zwei an der Durchgangsstraße. Ein Bäcker und ein Café, ebenfalls in Respektabstand. Eigene Weinberge, mittendrin eine kultige Ausflugsgastronomie von regionalem Ruf. Ein Weingut, etwas weiter ein Weinlokal. Der beste Bioladen des Umlandes. Adenauers Wohnhaus, Rheinpromenade, eigener Bahnhof. Kapellchen mit Blick auf den Drachenfels als DAS Postkartenmotiv schlechthin.

Haus Rheinfrieden mit dem integrativen Nell-Breuning-Berufskolleg. Diverse Parks. Selbst der Friedhof ist anerkannte Sehenswürdigkeit und Pilgerstätte. Alles stets in Abständen von fünfzig, nie über hundert Metern. Das ist viel für einen kleinen Stadtteil. So viel, dass es schwerfällt, Vergleichbares zu finden.

Alessandro weiß das. In diesem Ensemble spielt er mit. Bietet eine jener Facetten an, die in Rhöndorf sehr Viele sehr Verschiedenes finden lassen. Jeder und Jedem nach eigenem Gusto. Seinen Job nimmt er persönlich: „Es macht noch immer richtig Spaß. Ich könnte nichts Anderes tun.“ Zusätzliche Motivation zieht er aus der kulinarischen Öffnung der Teutonen: „Besonders neue Kreationen interessieren mich.“ Da backte er selbst gleich Kuchen, nahm Snacks ins Sortiment.

50 Jahre nach den ersten Pizzen in Deutschland, 45 Jahre nach den ersten Griechen, weniger noch nach Döner, Crepes und Burgern dominiert am hiesigen Gaumen nicht mehr der Schweinsbraten – und da macht Alessandro mit. Für seine Neuerungen galt meist: „Es war hart anfangs; wir mussten viel wegwerfen.“

Aber es gilt auch: „Wir haben uns durchgesetzt mit Qualität.“ Was zutrifft. Denn heute gilt er als einer der Besten im Umkreis. Passionierte Gelatisti pendeln sonst nur zum Eis-Atelier an der Rheinpromenade, zum Milcheisladen nach Schladern, zur Eisdiele am Siegburger Markt, natürlich zu Sabatella nach Hangelar und bestenfalls einem der Königswinterer Anbieter oder dem Unkeler Don Camillo. In Rhöndorf läuft gerade Joghurt besonders gut. In allen Variationen – natur, als Eis oder Eisbecher, zum Trinken. Eine neue Karte trägt dem Rechnung.

Warum das Café nur ihn benennt und nicht etwa Daniela & Alessandro oder Chiappin als Familiennamen? Die Frage ist ihm neu. Doch, doch, Frau Daniela ist auch im Geschäft Partnerin. Was Stammgäste übrigens wissen; spätestens dann, wenn sie Einkäufe aus einem dafür keineswegs geeigneten Auto „zieht“. Die Töchter Veronica und Giada geben bereits Eisbechern ihren Namen.

Natalia nicht zu vergessen, die aus Apulien kommt, wirklich zügig serviert und zubereitet, den Eindruck des Cafés nachhaltig mitprägt. Alessandro selbst sieht sich als „typischen Italiener“, will solches Flair auch seinen Gästen bieten. Mit der Charakterisierung eines genetisch bedingten „partiellen Chaotismus“ freundet er sich gern an – soweit es nicht um Sauberkeit und Qualität geht, sondern um das rätselhafte florale Ambiente mit Hortensie, Geranie und Lebensbäumen. Letztere sind zwar Friedhofspflanzen mit nur begrenztem Chic, wurden aber im Gegensatz zu hübscheren Blumen „noch nie geklaut“. Ach so! Das Poster mit dem lasziven Chanel-Model samt Leopard indes wich freiwillig dem Bild von Venedig und Campanile.

Dienstags kommt ein Dutzend Damen, einige über achtzig und alle „von der Kirche“. Diverse Familien- und Freundeskreise haben hier ihr Vereinslokal, manche zu festen Zeiten. Die Gruppe „jeden Freitag um Drei“ klönt hier und will das Leben vorbeirollen sehen; Ziepches ist ihnen zu weit weg vom Schuss. Ein Herrenkreis spricht gern über Autos, kommt viel öfter, besteht aus Genussmenschen und realisiert mitten in Rhöndorf bestes Dolce Vita. „Da höre ich gern zu, weil Autos mich ja auch interessieren.“

Hier erfährt auch schon mal ein toller historischer Porsche wenig elegantes Klangtuning, gerät ein Mustang als Pony-Car denn doch zu fett. Vespa- und Harleyfahrer sind nur bei gutem Wetter da, Ducatipiloten als Gralsritter italienischer Ventilsteuerung machen es genauso. Winzer Karl-Heinz Broel sitzt selten allein am Tisch, Wolfgang Clement bringt Frau, Familie und Enkel mit. Mindestens ein hiesiger Politiker hält dort „quasi“ Bürgersprechstunden ab. Manchmal kommt auch Bernd Cullmann vom FC oder Lothar Paulsen vom HFV. Die Nummernschilder der motorisierten Gäste halten sich die Waage: SU, BN und NR. Ein buntes Ensemble hat sich etabliert.

Alessandro stammt aus der Gegend von Treviso im Comegliano. Dort, wo der Prosecco seine Karriere begann. Manchmal besuchen sie seine Mutter, gehen spazieren, arbeiten nicht. Die Zeit ist limitiert, seit die ältere Tochter eine deutsche Schule besucht. Sie wissen um ihr italienisches Herzblut. Aber: „Wenn ich ‚Zuhause‘ sage, dann meine ich Bad Honnef.“ bh