Elisabeth

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„Warum weint sie nicht? Elisabeth, die Frau mit dem zarten Gesicht, der schweren, das gesamte Haar umhüllenden Haube und dem tonnenartigen Kleid“ überlegte ich, als ich diese Skulptur aus hellem Holz und Metall betrachtete. Der Künstler hatte das Gesicht und die zierlichen Schultern einer schönen jungen Frau in das grobe Holz geschnitzt. Aber auf ihrem Kopf lastete schwer eine rostbraune Haube. Der Körper war gefangen in diesem Kleid, das sich mächtig um ihn wölbte. Ich war selbst noch sehr jung, als mir Elisabeth begegnete. Und immer wieder verliere ich sie aus meinen Gedanken. Aber immer kehrt sie zurück. So wie heute. Ich wollte sie wiedersehen und suchte im Internet nach ihr: Die Skulptur habe ich nicht gefunden, aber die Geschichte der Heiligen Elisabeth. Jetzt erkenne ich, dass diese Geschichte auch die der Elisabeth aus Holz und Metall ist: Eine junge, hoch geborene Frau verliert, während sie schwanger ist, ihren Mann, den Landgrafen von Thüringen. Der Schmerz ist so groß, dass sie daraufhin allen weltlichen Gütern entsagt, ihre drei Kinder weggibt, sich ganz der Hilfe für die Armen und Aussätzigen verschreibt. Von ihrer Familie verstoßen, stirbt sie sehr jung und wird bereits ein paar Jahre später heiliggesprochen. Zwang, Flucht und innere Freiheit müssen für ihr Leben bestimmend gewesen sein: „So ziemt es uns auch immer, dass wir gebeugt und gedemütigt werden und nachher wieder heiter und vergnügt dastehen.“ sagte sie. Die Worte erinnern mich an eine weitere Elisabeth: Diese ist nicht mehr jung. Das Leben hat auch ihr oft hart zugesetzt, aber ihre Augen behaupten das Gegenteil und empfangen mich mit Heiterkeit und verschmitzter Vergnüglichkeit – vehement den Zeilen „Lisa, Lisa, sad Lisa, Lisa, Lisa“ widersprechend, die mir Cat Stevens gerade ins Ohr säuselt. Franziska Lachnit (2017)