Firmengründer Thomas Geutebrück ist tot

Geschäftsführung, Mitarbeiter und Partner der Geutebrück GmbH trauern um Thomas Geutebrück. Der Gründer des Unternehmens verstarb am 25. November 2019 im Alter von 84 Jahren nach längerer Krankheit. Vor 50 Jahren, fast auf den Tag genau, hat Thomas Geutebrück die Geutebrück GmbH in der Garage seines Nachbarn gegründet. Dort begann der internationale Siegeszug einer Marke, die heute Synonym für eine eigene, einzigartige Videosicherheitssoftware ist. In über 70 Ländern vertrauen Museen, Behörden, öffentliche Einrichtungen, kritische Infrastrukturen, Unternehmen aus der Energiewirtschaft oder der Industrie und internationale Banken auf Geutebrück.

Viele Erfolgsgeschichten, zumindest die interessanteren, fangen recht gewöhnlich und unscheinbar an. In einer Garage in Bad Honnef legte Thomas Geutebrück mit dem richtigen Riecher für zukunftsweisende Videotechnik und einem einzigen Mitarbeiter und einem Kunden 1970 den Grundstein für das beständig wachsende Unternehmen. Vom Vater, einem Werbefachmann, mit der nötigen Portion Vermarktungsgeist ausgestattet, startete Geutebrück mit „technischem Witz“ und Erfindergeist den Weg in die Selbstständigkeit. Er begann, Bausätze für Videokameras aus Fernost zu importieren und sie zusammenzubauen. Die Rechnung ging auf. GEUTEBRÜCKs Produkte fanden Anklang – und das sprach sich herum. Die Zahl der Kunden wuchs stetig. In einem exklusiven Beitrag für die HWZ schrieb Thomas Geutebrück vor 10 Jahren seine Erinnerungen auf: 

„Nach ersten – wenig erfolgreichen – Versuchen mit HiFi Bausätzen war ich auf der Suche nach einem Produkt, das dem Zeitgeist entsprach und schon fertig war, an dem niemand mehr löten müsste: Ich entdeckte eine Fernsehkamera. Ziemlich kompakt war das Gerät, nicht viel größer als die heutigen, obwohl, da mit einer „Vidikonröhre“ als Bildaufnehmer ausgerüstet auch noch eine Ablenkspuleneinheit im Gehäuse Platz finden musste. Fernsehkameras ähnlicher Art kannte ich nur von sehr großen Bahnhöfen.

Dort konnte man gelegentlich ein einzelnes klobiges Gerät entdecken, Siemens stand drauf, oder Grundig. Das entsprechende Sichtgerät stand offenbar auf dem Schreibtisch eines wichtigen Bahnbeamten, man sah es nie. Die Technik hieß damals „Industriefernsehen“. Ein Schwarz-Weiß-Fernsehgerät hatte fast jeder Haushalt, aber vor einer Kamera selbst hatte kaum jemand gestanden. Wie albern, Fratzen schneidend benahmen sich seriöse Besucher später auf unseren ersten kleinen Messeveranstaltungen, wenn sie sich selber auf dem Monitor sahen. Eine „Industriefernsehkamera“ von Grundig, so erfuhr ich, kostete mehrere tausend Mark.

Die japanische sollte 450 DM kosten. Da glaubte ich, sei doch wohl reichlich Spielraum drin, auch wenn ich nicht Siemens hieße. Mein erstes Kamerabild braucht einen Namen. Ich ersann TELEBILD. Es war die Zeit, in der die ersten Supermärkte entstanden. Noch bescheiden in der Ausdehnung, keiner wie ein heutiger Lidl oder Aldi. Es war aber offenbar leichter geworden, sich am Warensortiment ohne pekuniäre Gegenleistung, sprich, ohne zu bezahlen, zu bedienen. Mein Bruder wohnte damals in Köln und dank seines angeborenen Überzeugungstalents verkaufte er die ersten TELEBILD-Kameras an den Supermarkt „Zum Bösen Wolf“. 

Er kannte aus einer Kölner Altstadtkneipe jemanden, der war Industriedesigner. Der schweißte aus Stahlprofilen Wandhalterungen zusammen. Da TELEBILD neben einem Videoausgang einen, wenn auch simplen, Hochfrequenzmodulator besaß, ließen sich normale Fernsehempfänger als publikumswirksame Sichtgeräte benutzen. Unser erster Kunde hatte und plante noch weitere kleine Supermärkte. Im Gegensatz zu den Bastlerkunden der ersten Stunde, zahlte er – wenn auch zögerlich – seine Rechnungen. Jetzt war es an der Zeit, eine ordentliche Firmenform zu finden. Die GVT – Geutebrück Videotechnik KG entstand Eine Firma zu gründen und zu führen ohne die geringsten betriebswirtschaftlichen Kenntnisse – nun das Risiko sah ich gar nicht! Ich sah überhaupt kein Risiko, was konnte ich schon verlieren, außer 10.000,00 DM gespartes Geld. Da mir meine wenigen eingekauften Fernsehkameras, Objektive und 23“ Monitore nicht gerade aus den Händen gerissen wurden, studierte ich weiterhin die abonnierte und monatlich erscheinende  Zeitschrift JEE, um mein Vertriebsprogramm zu diversifizieren. 

Ich entdeckte eine weitere Firma, die Fernsehkameras anbot: IKEGAMI hieß sie. Ich schrieb Ikegami nach Japan, dass ich interessiert sei, ihre Kameras und Monitore zu importieren und in Westdeutschland zu verkaufen. – Das Antwortschreiben kam aus Düsseldorf, man schrieb mir sogar auf Deutsch. Man sei eine Import-Export-Firma, vertrete unterschiedliche japanische Firmen und sei sehr interessiert daran, mit mir zu reden, da man einen oder mehrere Vertriebspartner für „Ikegami-Produkte“ suche. Ein Herr Masche kündigte seinen Besuch an und bat das vorgeschlagene Datum zu bestätigen. Ich tat es, denn der Termin gab mir 3 Tage Zeit zum Nachdenken. Im elterlichen Haus gab es einen relativ großen Raum, vom Eingangsbereich der Haustür durch eine Glaswand getrennt. Dieser Raum sollte mein Büro werden. Bisher stand dort ein abgelegter Schreibtisch aus dem Büro meines Vaters, darauf eine Olympia-Reiseschreibmaschine und ein Telefon. Eine zu bescheidene Ausstattung, um Herrn Masche davon zu überzeugen, dass ich Ikegami-Produkte in hinreichender Menge verkaufen könnte. Eine Ein-Personenfirma mit Reiseschreibmaschine sicherlich nicht. Zumindest eine Sekretärin musste her, mit einer ordentlichen Schreibmaschine. IBM-Kugelkopfmaschinen waren damals die „Renner“ in den Chefsekretärinnenbüros. Ich dachte nach – dann kam mir die Idee! 

Ich rief einen Bekannten, Herbert Gelsdorf,an, man kannte sich von gemeinsamen Karnevalsveranstaltungen – übrigens den Anfängen des inzwischen wohlbekannten Circus Comicus. Er war der Inhaber der VW-Vertretung,Er hatte eine Sekretärin, Ännemie, und möglicherweise eine IBM-Kugelkopfmaschine. Die musste er mir ausleihen für nur eine Stunde! Er hatte Verständnis für mein Problem, fand  meinen Plan aber ziemlich abenteuerlich. Er verband mich zurück zu seiner Sekretärin. Ich erklärte ihr welches Schauspiel sie zu geben hätte, bat sie reichlich Arbeit und möglichst viele Aktenordner und natürlich ihre IBM-Kugelkopfschreibmaschine mitzubringen. Sie fand`s spannend! 

Am entscheidenden Tag baute sie ihre Aktenordner und natürlich die beeindruckende IBM-Schreibmaschine auf. Ich instruierte sie, welche Begriffe sie ins Telefon sprechen sollte (Objektivbrennweite, Kabellänge, Netzanschluss usw.), ein typisches Kundengespräch hatte ich für sie notiert. Damit das Telefon auch schellte, hatte ich einen Freund angewiesen, so alle 5 – 10 Minuten anzurufen. Es führte eine Tür vom „Vorzimmer“ in elterliche Wohnzimmer. Mein Vater verdiente mit seiner nach dem Krieg aus dem Nichts aufgebauten Düsseldorfer Werbeagentur nicht schlecht und so war dieser Raum dem Stil der Zeit entsprechend mit skandinavischen Teakholzmöbeln eingerichtet. Ein Regal mit gesammelten Werken von Goethe, Heine und Kafka sowie ein 12-bändiger alter Brockhaus 1929 aus dem Besitz meiner Großmutter, ausgebombt in Bochum, aber irgendwie gerettet, zeugten von Bildung und Kultur. Hier wollte ich Herrn Masche empfangen! Ännemie sollte Kaffee servieren, den meine Mutter in der Küche kochen würde. Herr Masche kam. Er brachte noch jemanden mit. Größere Firmen schicken immer mindestens zwei Leute, vielleicht weil man einem alleine nicht trauen kann. Ich war alleine, mit Sekretärin Ännemie!

Ich hatte mich im großen Wohnzimmer mit einem Aktenordner, privaten Kram enthaltend, niedergelassen, Arbeit vortäuschend. Den Rücken des Aktenordners hatte ich vorsorglich überklebt. Es stand jetzt „Industriefernsehen“ darauf. So hieß das bei Grundig und Siemens damals. 

Ännemie führte die beiden Herren zu mir hinein. Die Tür zum Vorzimmer blieb leicht angelehnt, damit man das Hämmern des Kugelkopfes der „IBM-Kugelkopfschreibmaschine“ und die Anrufe gut hören konnte. Sie rief ihn an, es könne jetzt losgehen und schon schellte das Telefon zum ersten Mal. 

Herr Masche und sein Adlatus waren beide Kaufleute und wollten von mir wissen, was man mit Fernsehkameras  alles bewirken könne, wo man sie denn brauchte und wohin man sie teuer verkaufen könne. Ich sprach von den gerade entstehenden Lebensmittel-Supermärkten, von der Industrie, wo jemand etwas auf einem Förderband überwachen musste, von dem nicht einsehbaren elektrischen Schiebetor, dass der Pförtner im Auge haben sollte usw.

Die Herren glaubten wohl genügend technische Kompetenz und Marktkenntnisse heraushören zu können. Davon, dass die Firma schon sehr aktiv im Geschäft war, hörte man durch die angelehnte Tür. Der großzügige Raum, in dem unser Gespräch stattfand, war zwar als Konferenzraum ungewöhnlich, hinterließ aber Eindruck. Die Frage, ob das alles mein Eigentum sei, wurde wohl aus Höflichkeit nicht gestellt. Vielleicht waren die Herren aber gewöhnt, Wohlstand  bei ihren Geschäftspartnern vorzufinden und die Idee, danach zu fragen, kam ihnen nicht.

Bevor sie sich herzlich verabschiedeten versprachen sie, sich schriftlich bei mir zu melden. Ich bekam den Vertrag, aber auch ein Problem! 

Das mir zugeschickte Vertragsdokument sah vor, dass ich von jedem angebotenen Gerät ein Muster kaufen musste. Damit war die Liquidität der gerade entstehenden Minifirma komplett aufgezehrt. Ein Telefonanruf aus Hannover sollte unsere Firmengeschicke in eine ganz neue Richtung lenken: 

„Guten Tag Herr Geutebrück, ich bekam Ihre Rufnummer von der Firma Nichimen in Düsseldorf. Wir sind neben Ihnen die zweite Vertretung für Ikegami-Produkte in der Bundesrepublik.“

Ich erschrak! Wir waren`s nicht alleine. Herr Masche war vorsichtig. Er hatte noch eine zweite Firma für das Ikekami-Programm erwählt, zudem eine weitaus größere. Mir fiel ein, dass in dem mir überreichten Vertragsdokument das Wörtchen „exklusiv“ nicht vorkam.  

Mir hatte diese Nachricht für einen kurzen Augenblick die Sprache verschlagen und dann fuhr Herr Schmidt fort: Seine Firma hätte eine Telescheckanlage für den Bankenbereich im Programm gehabt, aber die würde nun nicht mehr hergestellt. Bedauerlicherweise hätte er so eine Anlage einer Firma Büroneuform angeboten, den Auftrag sogar bestätigt und nun könne er nicht liefern. Ob ich nicht wüsste, welcher andere Hersteller im Ausland solche Systeme liefert oder ob die Firma Geutebrück evtl. so etwas mit Ikegami-Kameras herstellen könne. Jetzt reckte ich mich und stand wohl einige Sekunden mit stolzgeschwellter Brust vor meinem Schreibtisch. Da ruft eine Weltfirma, die noch kaum existierende kleine Klitsche  an und bittet um Rat!

Da ich nicht wusste, was eine Telescheckanlage war, sagte ich, ich würde darüber nachdenken. Ich rief einen Bekannten an, von dem ich wusste, dass er irgendetwas an Banken verkaufte und er klärte mich auf: Eine Telescheckanlage überträgt das Bild eines Schecks oder eines anderen Geldauszahlungsbelegs per Fernsehsignal auf einen Videomonitor auf einen anderen Arbeitsplatz. 

Die Beschaffung von „Barem“ vom eigenen Konto gestaltete sich damals nicht so einfach und lässig wie heute. Damals füllte man ein Scheckformular aus, ging damit zu einem Disponenten, der zog eine Karteikarte, prüfte Kontostand, Dispokredit und Unterschrift. 

Er zeichnete das Formular ab und damit ging`s zum Kassierer, dort gab`s Geld.

Es gab aber auch privilegierte Bankkunden. Geschäftsinhaber, Handwerker, die oft viel einzahlten und andere mit stets positivem Kontostand. Kurzum solche, über die der Kassierer gut informiert war. Diese Privilegierten gingen direkt zur Kasse, ihr Scheckformular musste nicht einer peinlichen vorangehenden Prüfung unterzogen werden.

Um dieses Zweiklassensystem zumindest nach außen nicht sichtbar werden zu lassen, wurden Telescheckanlagen eingeführt. Jeder Kunde konnte direkt zum Kassierer gehen, der legte diskret den Scheck auf eine Glasplatte und das Bild des Schecks erschien auf dem Monitor des angewählten Disponenten. Der zog seine Karteikarte wie zuvor auch und drückte auf die grüne Taste. Hatte der Kassierer „rot“ gedrückt, gab es ein peinliches Kopfschütteln des Kassierers. Hatte der Disponent bei einem ihm wichtig erscheinenden Kunden Zweifel an der Abzeichnung des Schecks, dann drückte er die Taste eines sogenannten übergeordneten Disponenten. Das war bei kleinen Banken stets der Kassenstellenleiter. Wurde eine Kassenstelle größer, war es durch diese Technik problemlos möglich, die Mitarbeiter mit den Kundenkarteikästen aus dem Kassenraum in andere Gebäudeteile umzusiedeln.

Dieses technische Organisationsmittel hielt ich für äußerst sinnvoll, da ich selber immer erst zu dem Herrn mit der Kundenkartei gehen musste. Ich rief Herrn Schmidt zurück: Ich könne ihm zwar keinen Hersteller nennen, aber ich würde prüfen, ob wir so etwas fertigen könnten. Es würde allerdings etwas dauern. Herr Schmidt war froh auf diese Weise den drängelnden Kunden loszuwerden, empfahl mir das Geschäft direkt abzuwickeln und gab mir eine Telefonnummer. Ich wählte die Nummer von Herrn Ried: Man hätte hervorragende Kontakte zur Bankenwelt und könne viele Anlagen dieser Art verkaufen. Ich wurde nach Düsseldorf eingeladen. 

Seine Spezialität waren Aktenablagesysteme,seine Kunden waren Bankeinrichter. Die Bankeinrichter lieferten Wandvertäfelungen, Einbauschränke, Kassentheken und Teppichböden, alles, was eine edel eingerichtete Bank benötigte. An Technik allenfalls Schreibmaschinen und einen Münzenzähler. Mehr Technik gab es damals noch nicht.

Ich beeindruckte mit meinem „Fachwissen“ über Fernsehkameras und er erzählte mir, dass er über einen seiner Bankeinrichter eine größere Bank mit einer Telescheckanlage ausgerüstet hätte,  Er säße jetzt auf Aufträgen und könne nicht liefern. Da seine Preise aber deutlich unter denen der Konkurrenz lägen, würden seine Kunden sich gedulden. 

Also, wir sollten fertigen, an Herrn Ried verkaufen, er an den Bankeinrichter und der wiederum an die Bank. „Und installiert der Bankeinrichter dann die Anlage?“ fragte ich. „Nein Herr Geutebrück. Das können die doch gar nicht, das müssen Sie machen, das muss im Preis mit drin sein!“ Spätestens hier hätte ich passen müssen.

Wie sieht eine Telescheckanlage in der Praxis aus? Wer stellt die Mechanik her? Wie soll ich die Steuerung entwickeln? Und war da nicht so eine Art Druckwerk drin? Woher nimmt man so was? Und dann in Banken Kabel verlegen und in die edelholzfurnierten Theken hineinsägen, um Geräte einzubauen?  Und Kabel verlegen durch vornehme Büros? – Das musste man ablehnen als Ein-Mann-Unternehmen mit der kinderbetreuenden Ehefrau im Büro. Mein „Ja“ klang fest und sicher, nur in meinem Inneren spielten sich Tragödien ab. 

Herr Ried gab mir einen Auftrag mit: Eine kleine Scheckanlage bestehend aus Arbeitsplätzen für einen Kassierer, einen Disponenten und einen übergeordneten Disponenten. Anzuliefern an, und zu montieren bei der Sparkasse Neuenrade im Sauerland.

Hätte ich damals „Nein“ gesagt, gäbe es die Firma Geutebrück in der jetzigen Form möglicherweise nicht. 

Die erste Telescheckanlage wurde gebaut und funktionierte. Telefon- und Videoleitungen wurden mit Relais geschaltet. Zur Herstellung von Platinen fehlten die Mittel, also wurden Drähte auf der Oberfläche einer Pertinaxplatte verlegt. Und dennoch, alles arbeitete wie geplant. 

Herr Michels und ich fuhren zur Sparkasse Neuenrade ins Sauerland um dort unsere erste Telescheckanlage zu installieren. Wie zuvor schon erklärt, war die bildhafte Prüfung eines zur Bargeldabhebung präsentierten Schecks hierarchisch organisiert. In der kleinen Sparkasse Neuenrade gab es allerdings nur einen übergeordneten Disponenten, und das war der Herr Direktor selbst, der Leiter der Sparkasse

Herr Ried hatte uns informiert, dass der Monitor für den Übergeordneten schon vorhanden sei. Wir brauchten keinen mitzubringen, wir würden vor Ort ein Möbel vorfinden, in das ein 31-Zentimeter Blaupunkt-Fernsehgerät eingebaut sei. Mit dem Gerät könne der Herr Kassenstellenleiter fernsehen und die Telescheckanlage ließe sich auch aufschalten. Letzteres zogen wir zunächst in Zweifel, denn Herr Ried verstand nichts von Technik und ein Fernsehgerät mit Eingang für ein Videosignal, ohne Umbau? Aber so war es dann, dieses Blaupunktgerät hatte einen Videoeingang.

Das Mahagoni-furnierte Möbelstück war pultförmig ausgeführt und beinhaltete neben dem Blaupunktfernsehgerät noch weitere Geräte: ein Telefon, eine Wechselsprechanlage, ein Einbauradio und ein Telefonwählgerät. All diese modernen Kommunikationsgeräte, die eines Bankdirektors würdig waren, standen nicht mehr lose auf dem Schreibtisch herum, sondern waren in einem edlen Beistellmöbel integriert.

Unsere Telescheckanlage war erfolgreich installiert und wir führten sie dem Kassierer und dem Bankleiter vor. Man war begeistert, ob dieses modernen Organisationsmittels. 

Zwei Tage später traf ich mich mit Herrn Ried in seinem edlen holzgetäfelten Büro in Düsseldorf, Goethestraße, um abzurechnen. Anstatt mir einen Scheck zu überreichen, erklärte er mir, dass er gerade nicht flüssig sei, denn die Bank Neuenrade hätte ja auch noch nicht bezahlt aber viele Geschäfte stünden noch in Aussicht, wir würden noch viele Telescheckanlagen bauen müssen und zu jeder gehöre auch immer eines seiner Beistellmöbel. Er selber aber sei kein Techniker, und, um Verantwortungsdifferenzen wie die in Neuenrade zu vermeiden, sollten wir doch zusammen eine neue Firma gründen. Den Namen hätte er sich schon überlegt: „INFORM“  Und so gründeten wir die INFORM GMBH.

Der „Firmensitz“ war noch  im Lohfeld. Eines Tages kündigten sich zwei Herren aus Meckenheim an. Wir sollten mal vorführen, wie gut ein vom Videorecorder aufgezeichnetes und dann vom Wiedergabemonitor abfotografiertes Bild sei. Den Fotoapparat brachten die Herren selber mit. Die Herren kamen, Visitenkarten präsentierten sie nicht. Sie nannten noch nicht mal ihre Namen – Sie kamen in hochgeheimer Mission!

Wir hatten bereits einen Videorecorder, gegenüber heutigen Techniken und Ansprüchen war die Qualität der Geräte und Bänder dürftig, aber es war der Stand der Technik. Einer unserer kleinen Mannschaft musste Modell stehen, mal näher mal weiter …

Und die Herren fotografierten von einem 30 cm Monitor die Wiedergabe der Aufzeichnung – und dann das Konterfei des Modells direkt. Da die geheimnisvollen Herren eine Polaroid-Kamera mitgebracht hatten, war der Vergleich sofort sichtbar. Er war enttäuschend. Auch wenn ein Polaroid-Bild nicht die Qualität einer üblichen Fotoaufnahme hatte – der Umweg über die noch bescheidenere Videoaufnahme bedeutete einen heftigen „Qualitätssprung“ nach unten.

Die Herren verabschiedeten sich, und wir machten uns Gedanken über den Grund dieser Vorstellung. Es lag nahe, dass es wohl um Fahndungsfotos ging. Bald erfuhren wir, was das BKA erreichen wollte: Die Baader-Meinhoff-Gruppe hatte inzwischen viele Sympathisanten und Mitglieder gewonnen, und hatte natürlich auch finanziellen Bedarf. Was lag also näher, als sich das Geld dort zu besorgen, wo es in ausreichenden Mengen und kleinen Scheinen lag: bei den Banken. Banküberfälle gab es immer wieder.

Das Bundeskriminalamt interessierte sich aber besonders für diese terroristische Gruppe, man wollte Gewohnheiten und die Bewegungsprofile erfassen, möglichst auch noch die Konterfeis der Täter. Da die Gewinnung von Täterbildern und Fahndungsfotos über den Umweg mit Fernsehkameras zu miserablen Ergebnissen geführt hatte, empfahl das BKA der übergeordneten Behörde für ein Gesetz zu sorgen, dass die Installation von automatischen Fotokameras in allen Banken zur Vorschrift machen sollte. 

Es gab ganz vereinzelt solche Kameras. Und es gab tausende von Banken! Die größte Gruppe waren die Sparkassen mit ca. 40.000 Zweigstellen, gefolgt von den Volksbanken. Ein riesiger Markt! Aber, wer von den bisher mit Videokameras handelnden Firmen hatte geeignete automatische  Fotokameras, die nach der vom BKA erarbeiteten Vorschrift 2 Bildern/Sek. mit hoher Auflösung machen sollten, wenn sie ausgelöst wurden

Ich erinnerte mich an eine Werbung in der japanischen technischen Zeitschrift, die ich aufbewahrt hatte. Dort inserierte eine japanische Firma eine motorisch angetriebene Fotokamera, die den Anforderungen des BKA entsprach. Ein Telex nach Japan wurde 2 Tage später positiv beantwortet. Ich möge zur Erklärung des deutschen Marktes und Diskussion über Stückzahlen bei Exklusivität – wie von mir erbeten – nach Tokyo kommen“. Und er kam. Überzeugte. Und siegte. Heute wird das Unternehmen von Tochter Katharina Geutebrück und ihrem Mann Christoph Hoffmann geleitet. tg/bö