Heinrich Beth gibt sein Lebenswerk in jüngere Hände

Im Optikhaus Beth wechselt der Inhaber. Heinrich Beth, der das Unternehmen aufgebaut und über 30 Jahre erfolgreich geführt hat, gibt sein „Lebenswerk“ in jüngere Hände. Mit Fabian Neumann, der im Optikhaus das Handwerk erlernt und dann seine Meisterprüfung gemacht hat, hat Beth einen Nachfolger gefunden, der das Bad Honnefer Traditionsgeschäft in seinem Sinne weiterführt und zugleich eigene Visionen einbringt.

Herr Beth, Sie sitzen hier mit Ihrem Nachfolger, fällt es Ihnen schwer, das Geschäft abzugeben?

Das Optikhaus ist mein Lebenswerk, da hat man bei so einem Schritt natürlich Emotionen. Seit 1. Juli ist Fabian Neumann der neue Inhaber, gleichwohl stehe ich dem Unternehmen weiterhin beratend zur Verfügung. Dort, wo ich gebraucht werde, bin ich für die Kunden gerne noch da. Im Übrigen weiß ich natürlich, dass das Optikhaus bei Fabian in besten Händen ist, sonst hätte ich es nicht an ihn übergeben. Mir war es zudem sehr wichtig, dass das Unternehmen weiterhin inhabergeführt wird und nicht plötzlich eine große Kette das Sagen hat.

Seit wann gibt es das Optikhaus Beth und warum haben Sie sich gerade in Bad Honnef selbstständig gemacht?

Ich habe meine Unternehmen seit 1985. Der Liebe wegen – meine Frau kommt aus Bad Honnef – habe ich mich für die schöne Stadt am Rhein entschieden. Damals stand gerade ein kleines Geschäft zum Verkauf.

Wo steht Ihr Geschäft heute?

Ich habe meinen Fokus vom ersten Tag an auf Individualität gelegt. Individuelle Brillen, individuelle Beratung und Service sowie eine individuelle Atmosphäre. Am Anfang war das nicht ganz einfach, ich musste mich gegen Mitbewerber durchsetzen. Doch ich bin meiner Linie immer treu geblieben. Das schätzen meine Kunden und mein Unternehmen ist daran gewachsen. Passend zu unserem Anspruch, uns stets von der Menge abzuheben, befinden wir uns nach dem Umzug seit 1992 in diesem schönen barocken Fachwerkhaus, dem ehemaligen Pastorat.

Welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

An der Philosophie festzuhalten, das Individuelle zu betonen und sich damit von den Mitbewerbern zu unterscheiden.

Wie reagieren Ihre Kunden?

Bislang sehr positiv. Fabian ist ja kein Fremder. Er hat bei mir gelernt und auch seinen Meister gemacht. Das heißt, alles, was das Optikhaus Beth ausmacht, hat er seit Jahren verinnerlicht und gelebt. Das wissen unsere langjährigen Kunden. Außerdem halten Fabian und ich weiter engen Kontakt.

Herr Neumann, warum sind Sie Optiker geworden?

Zunächst war es reiner Zufall. Ich bin durch einen Schulfreund, der ein Neffe von Herrn Beth ist, nach dem Abitur als Praktikant im Optikhaus „gelandet“. Und dann war es eigentlich schon klar.

Was fasziniert Sie an diesem Beruf?

Optiker ist ein sehr abwechslungsreicher Beruf. Man ist Handwerker, Berater und, wenn man wie Herr Beth möchte, auch Designer. Er hat mit seiner Heinrich Beth Kollektion auch den kreativen Part ausgelebt. Jeder Kunde ist anders und so gibt es kein Standardprodukt, das man mal eben anbietet. Hier schließt sich der Kreis zu unserer Firmenphilosophie: Der Beruf des Optikers hat sehr viel mit Individualität zu tun.

Was macht einen guten Optiker aus?

Er muss sich auf die speziellen Bedürfnisse seiner Kunden einstellen und daraufhin gezielt beraten.

Welche Brillentrends prägen diesen Sommer?

Sportbrillen sind stark im Kommen. Diese sind heute sehr stylisch und sehen nicht nur beim Sport gut aus. Außerdem sind Retrobrillen „in“.  

Woher beziehen Sie das Wissen darüber, was gerade „in“ ist?

Wir besuchen regelmäßig für uns relevante Messen, außerdem spielen die digitalen Medien sowie die Fachpresse bei der Verbreitung von Trends eine große Rolle.

Wie wichtig ist eine offene Kommunikation gegenüber den Kunden?

Die ist ebenso wichtig, wie die handwerkliche Seite. Meine Kundinnen und Kunden können darauf vertrauen, dass ich ihnen sage, ob eine Brillenmodell zu ihnen passt oder nicht. Außerdem eignet sich nicht jedes Brillengestell für jedes optische Problem. Damit sind wir bei der Beratung. Ich habe bei Heinrich Beth gelernt, wie wichtig es ist, sich für die Kunden Zeit zu nehmen. Eine Brille hat man zwar nicht fürs Leben, aber man trägt sie in der Regel über einen längeren Zeitraum. 

Was ist Ihre persönliche Lieblingsbrille?

Ich habe eigentlich keine. Ich mache mir jedes Jahr mindestens (Beth lacht) eine neue Brille, sie ist dann bis zur nächsten meine Lieblingsbrille. Ich trage sehr gerne Sonnenbrillen, eigentlich bei jedem Wetter. Meine Brillen sind teils außergewöhnlich im Sinne von nicht alltäglich, aber auch teils klassisch.

Beth: Da bin ich ganz anders. Ich bin ein absoluter Retro-Klassiker. Meine Meinung ist: Aus der Panto entwickeln sich die großen Formen. Fabian hat für sich Modelle entdeckt, die provokanter sind. Das ist auch okay so. Was die Kunden betrifft, so entwickelt man über die Jahre hinweg ein Gefühl dafür, welche Modelle zu ihnen passen. Zu 70 bis 80 Prozent ist die erste Brille, die man zeigt, die optimale. 

Neumann: Das stimmt, die Erfahrung habe ich auch gemacht. Voraussetzung für die Treffsicherheit sind allerdings ein Gespür für Mode und eine gute Menschenkenntnis. Es gibt aber auch Kunden, die wissen genau, welches Modell sie möchten. Wenn ich dann aber sehe, dass dieses Gestell nicht das Optimum ist, sehe ich es trotzdem als meine Aufgabe an, zu beraten. Man muss allerdings auch wissen, wann dies nicht gewünscht wird – letztendlich entscheidet der Kunde.

Erfahrung ist ein gutes Stichwort. Herr Neumann, Sie waren 2017 für ein Jahr weg und haben die Welt bereist. Hat sich das auf Ihre berufliche Entwicklung ausgewirkt?

Ich habe viel gesehen, neue Erfahrungen gemacht und andere Kulturen kennengelernt. Das macht aufgeschlossener und neugieriger auf aktuelle Trends sowie gegenüber Innovationen wie zum Beispiel neue Materialien. Außerdem hat es mich als Mensch weitergebracht. Ich habe viel Armut gesehen und eine andere Wertschätzung gegenüber Dingen entwickelt, die für uns selbstverständlich scheinen. Ich kann es nur empfehlen, einmal neue Wege zu gehen.

Wie schwer war die Rückkehr?

Gar nicht. Nach einem Jahr habe ich mich auf meinen Beruf und alles, was ihn ausmacht, wieder sehr gefreut. Familie und Freunde haben natürlich auch gefehlt. Ehrlicherweise muss ich allerdings sagen, dass nach drei Monaten das Fernweh wieder aufflammte. 

Wann war Ihnen klar, dass Sie das Optikhaus übernehmen möchten?

Ich war mit Heinrich Beth immer in Kontakt. Nach meiner Rückkehr waren wir ein paar Mal zusammen essen und dann fragte er mich zunächst, ob ich nicht als Geschäftsleiter wieder bei ihm anfangen wollte. Mitte vergangenen Jahres wurde dann plötzlich der Verkauf des Optikhauses Thema und ich freue mich, dass ich heute der neue Inhaber bin.

Was sind Ihre unternehmerischen Ziele?

Das Geschäft natürlich weiter auszubauen. Das heißt konkret, dass ich den Bereich „Kontaktlinsen“ entwickeln möchte. Ich sehe das als gute Korrektionsmöglichkeit, die bei uns in Deutschland viel zu wenig angeboten wird. Bei uns tragen lediglich drei Prozent Kontaktlinsen. Im Vergleich dazu: In England sind es 20 Prozent. Linsen muss man immer als Ergänzung zur Brille sehen, gerade für den Sport sind sie perfekt. Diese Schiene möchte ich gerne weiterführen.

Und was sehen Sie als Ihre größte Herausforderung?

Das wird sich noch zeigen. Aber mein Motto ist: Es gibt für alles eine Lösung.

Gibt es irgendetwas aus Ihrer Zeit mit Herrn Beth, was Sie nun auf Ihr eigenes Unternehmen übertragen?

Alles, was er mir beigebracht hat. Es war eine harte Schule. Er hat mir vieles mit auf den Weg gegeben, was ich als junger Mensch nicht immer direkt nachvollziehen konnte, das mir mittlerweile völlig verständlich ist. Dazu gehört unter anderem, dass man immer auch unternehmerisch denken und handeln soll. Das werde ich auf jeden Fall beherzigen. (Susanne Rothe)