Immer wenn Großvater lobend erwähnte „Du hast ja eine tolle Fantasie!“, dann erwiderte der Kleine kurz und knapp: „Ich habe keine Fantasie!“ Das behauptete er, obwohl er die lebendigsten Bilder und lustigsten Wortneuschöpfungen zustande brachte sowie ein selbst erfundenes „Spielspiel spielte“. Als man ihn schließlich einmal fragte, warum er glaubt, keine Fantasie zu haben, erklärte er: „Fantasie ist böse.“ Warum er dieser Meinung war oder wo er dieses Statement aufgeschnappt hatte, konnte oder wollte er allerdings nicht sagen. Inzwischen, als Erwachsener, hat er diese Ansicht wohl relativiert oder gar verloren.

Allerdings stellt sich bei mir langsam eine Ahnung davon ein, warum man Fantasie als böse empfinden kann … Ob meine Gedanken mit denen eines kleinen Kindes zu vergleichen sind, wage ich zu bezweifeln. Dennoch muss ich wieder häufiger an die Anekdote des Jungen zurückdenken. Ich ertappe mich oft dabei, wie ich aus alltäglichen Szenarien oder Bildern haarsträubende, gruselige Geschichten erfinde: Vor ein paar Tagen bemerkte ich beim Duschen zufällig, dass sich hinter einer Fliese der Duschkabine – nur hinter einer! – ein Hohlraum befindet. Sofort hatte ich die Idee, dass der Fliesenleger dort etwas deponiert haben könnte.

Vielleicht eine Mordwaffe oder ähnlich Brisantes. Tatsächlich ist das eher unwahrscheinlich! Ein spontanes Hirngespinst. Genauso wie bei dem irgendwo abgestellten, verwahrlosten Wohnwagen, der mich zu einer Geschichte von Diebstahl, Drogen und Tod inspirierte. Es macht mir insgeheim Spaß, hinter normalen Erscheinungen etwas Geheimnisvolles, Kriminelles und somit Besonderes zu sehen. Das allein wäre vielleicht nicht so schlimm, aber dabei entwickeln sich auch leicht paranoide Tendenzen … Eine böse Sache also … diese Fantasie! Franziska Lachnit (2020)