Fööss

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Meine sehr verehrten Damen und Herren, die Fastenzeit beginnt. Heißt: In 40 Tagen ist Ostern.Biblischer Hintergrund für die Festsetzung der Fastenzeit auf 40 Tage und Nächte ist das ebenfalls 40-tägige Fasten Jesu in der Wüste.

Die Zahl 40 erinnert aber auch an die 40 Tage der Sintflut, an die 40 Jahre, die das Volk Israel durch die Wüste zog, an die 40 Tage, die Mose auf dem Berg Sinai in der Gegenwart Gottes verbrachte, und an die Frist von 40 Tagen, die der Prophet Jona der Stadt Ninive verkündete, die durch ein Fasten und Büßen Gott bewegte, den Untergang von ihr abzuwenden.

Da passt es doch super in den Reigen hinein, dass ich vor 40 Jahren die Bläck Fööss kennen gelernt habe. Das ist mir bei der Pressekonferenz mit den Fööss zum Abschied von Peter Schütten am Dienstag erst so richtig bewusst geworden.

Mein Gott, was sind wir alt geworden. Zum großen Glück für mich, ist der Peter zur Zeit noch neun Jahre älter als ich. Was soll´s. Als damaliger Jungredakteur bei Prisma habe ich die Fööss quasi auf Schritt und Tritt begleitet.

Sie wissen, was ich meine: Sex, Drugs und Alkohol. Ohne Sex und Drugs. Mehr mit Kölsch. Die Fööss waren damals die Helden. Zu einer Zeit, in der Willy Millowitsch im Karneval alles überstrahlte. Hans Süper stand mit seiner Flitsch in den Startlöchern.“Weisste Wat Mr Fahre Met Dr Strossebahn Noh Hus“.

Genau, und das haben wir auch brav getan. Wen Marie Luise Nikuta in den Raum kam, dann herrschte sofort ehrwürdiges Schweigen. Nikuta war die Queen und so wurde sie auch behandelt.

De Fööss kamen mit langen Haaren und nackten Füssen auf die Bühnen. Das gefiel den Oberkarnevalisten überhaupt nicht. Aber das Publikum wollte es so. „Drink doch ene met…“. Unfassbar. Wer war de ahle Mann der su jän ens ene drinken däht. Doch dä hätt vill zu winnig Jeld, su lang hä och zällt? Dieser Song ist unkaputtbar. Wenn der damals in den Kneipen aus den Boxen dröhnte, dann wurde hemmungslos gebützt, geschmust und mindestens ganz eng geschunkelt. Und wenn dann die eigene Freundin stinkig wurde, dann half uns der Willy aus der Patsche:

„Ich binne ne Kölsche Jung, watt willste mache…?“ Hat immer geklappt, oder eben: „Et hätt noch immer jot jejange“. Was waren das für Zeiten? Der Kneipenkarneval brummte. Der Sitzungskarneval war unfassbar steif. Viele Jecken trugen Abendgarderobe oder Gardeuniformen.

Die Fööss kamen in Jeans daher. Das war damals ein Tabubruch. Vor 40 Jahren war der Sitzungskarneval in Köln steif statt ungezwungen, feierlich statt fröhlich. Die Bläck Fööss waren unbekümmert, mit nackten Füßen und langen Haaren, sie hielten dem zur Selbstzufriedenheit neigenden rheinischen Karnevals-Establishment den Spiegel vor.

Die Bläck Fööss haben den Karneval nicht umgekrempelt, weil sie das als ihre Aufgabe gesehen hätten, sie hatten keine Mission. Es war ihre unverfälschte Art, Musik zu machen, die den Kölner Karneval nachhaltig veränderte. Ohne die Bläck Fööss wäre Karneval in Köln heute wie Karneval in Mainz, erkannte kürzlich die WELT. Ein schrecklicher Gedanke.