Paula verdreht die Augen. Frühjahrsputz, muss das sein? Sie kann sich nicht mehr vorstellen, dass sie in ihrer Jugend Spaß daran hatte. Damals riss sie am ersten halbwegs warmen und sonnigen Tag die beiden großen Fenster ihres Zimmers auf, legte Pink Floyd’s The Wall auf den Plattenspieler und drehte die Lautstärke voll auf. Während Paula dann auf der Fensterbank balancierte und die Fenster polierte, schauten die Leute von der Straße zu ihr nach oben in den 5. Stock und schüttelten die Köpfe.

Als danach die blanken Fenster den Frühlingssonnenschein ungehindert ins Zimmer strahlen ließen, war Paula nicht mehr zu bremsen. Jedes Tinnef-Teilchen, jedes Buch und jeder Bilderrahmen wurde in die Hand genommen und vom winterlichen Staub befreit. Regalbretter und Schreibtisch wurden gewischt. Meistens nutze Paula diese Aktion auch zum Ausramschen und Umräumen. Ein paar Mülltüten wurden gefüllt, und hinterher stand nichts mehr dort, wo es zuvor gestanden hatte. Wenn sie schließlich mit dem Staubsauger durchs Zimmer gewirbelt war, überkam Paula das Gefühl, dass sie soeben höchstpersönlich den Winter vertrieben hatte. Das alles liegt aber lange zurück.

Heute hasst Paula die Putzerei. Ihre Argumente dagegen sind immer dieselben: Zeitverschwendung; der Dreck kommt eh wieder; anderes ist wichtiger … Lieber arrangiert sie sich mit ein paar Spinnen und toleriert die Staubschichten, als dass sie sich energisch und mit Wischmopp bewaffnet darauf stürzen würde. Außerdem hat Paula inzwischen zu viele Bücher, um jedes einzelne abzustauben. Nimmt sie eines aus dem Regal, so reicht es, einmal darüber zu pusten. Und was die Spinnen betrifft – die mag sie. Wenn Paula aber doch zufällig der Putzlappen in die Finger gerät, überfällt sie wieder ihr jugendlicher Putzeifer und kein Dreckskorn ist sicher vor ihr. Das kommt immer noch vor. Nur nicht unbedingt zum Frühjahr. Franziska Lachnit (2018)