Sein dichtes Haar fällt ihm in die Augen und überwuchert die Ohren. Immer wieder muss er die Strähnen aus seiner Sicht schieben oder einzelne Haare aus den Augen blinzeln. Ein erster Frisörbesuch ist fällig!

Der Junge traut der Sache aber nicht so recht. „Wenn dieser Frisör an mir herum schneidet, tut das doch weh!“ denkt er. Als er sich einmal beim Basteln mit der Kinderschere in den Finger schnitt, blutete er und hatte so lange Schmerzen, bis Mama ihm ein buntes Pflaster auf die Wunde klebte. Und deshalb möchte er nicht zum Frisör.

Lieber schielt er weiterhin durch die Fransen hindurch. Und die Haare über den Ohren halten ohnehin schön warm. So versucht er, seine Mutter davon zu überzeugen, den Termin beim Haareschneider abzusagen. Natürlich lässt sie sich von seinen Argumenten nicht beeindrucken und besteht am Tag und zur Stunde des Termins darauf, ihn zum Coiffeur zu schleifen. Tapfer geht er schließlich mit.

Dort lässt er sich auf den Kinder-Frisör-Thron hieven und in einen weiten Umhang wickeln. Als jedoch der Meister zur Schere greift, packt den Kleinen Panik. „Noch ist es nicht zu spät, der Folter zu entkommen!“ schießt ihm durch den Kopf. Schnell rutscht er von dem Sitz – zum Erstaunen des Frisörs und Entsetzen der Mutter. Mit wehendem Umhang ergreift er die Flucht und rennt laut schreiend die Straße hinunter.

Instinktiv nimmt die Mutter die Verfolgung ihres Sohnes auf. Ziemlich schnell für einen kleinen Kerl hat er bereits einen enormen Vorsprung. Mit großen Schritten holt die Mutter auf, schnappt den Sohn und führt ihn wieder zurück. Ihr Wille ist noch nicht gebrochen. Allerdings zeigt sich der Coiffeur voller Einsicht dem jungen Mann gegenüber: „Wenn er partout nicht will, kann ich nichts machen!“ Diesmal hat der Kleine gewonnen. Erst einige Jahre später führt ihn eine andere Geschichte wieder in den Frisörsalon. Franziska Lachnit (2017)