Meine Reise ins Übermorgenland (Piper Verlag, März 2020). Nadine Pungs ist neugierig und mutig. Das sind die Voraussetzungen, um sich als junge Frau allein in die Länder der Arabischen Halbinsel zu begeben. Sie nimmt uns mit auf ihre Abenteuerreise und berichtet von ihren Erfahrungen sowie Erkenntnissen, die sie während eines fast drei-monatigen Trips im Winter 2018/19 von Jordanien bis Oman gesammelt hat. Mit Tag 39 startet sie ihren Bericht und katapultiert uns mitten ins Abenteuer: „Angefangen hat alles vor 96 Stunden. In Abu Dhabi. Seitdem sitzt das Fieber hinter meiner Stirn. Die Haut glüht, meine Augäpfel schmerzen. Trotzdem ist der Ausblick schön, denn was ich von hier aus sehen kann, ist der Oman.“ Es folgt die Grenzkontrolle. Äußerst streng und beim kleinsten Anlass mit exorbitanten Folgen. Nadine schwitzt nicht nur wegen des Fiebers. Dann Rückspulen auf „Die erste Nacht“. Amman, Jordanien. „(…) eine Handvoll Lichter sind ins Schwarz gesprenkelt.“ In Jordanien erfolgt der erste Ausflug in die Wüste. Auf dem Höcker eines Kamels schaukelt sie durch Wadi Rum. In Begleitung eines alten Beduinen, dessen internationaler Wortschatz aus „T(h)ank you“ besteht, erlebt sie einen wenig eloquenten Ritt: Nadine konzentriert sich darauf, den Halt auf ihrem wogenden Untersatz nicht zu verlieren, während der freundliche Wüstenwanderer stets denselben Kommentar auf Lager hat: „Tank you!“ Von außen betrachtet eine Szene zum Schmunzeln. Nadine schreibt später: „(…) denke wieder an das Schweigen in Wadi Rum. An die Sonne und wie sie die Wildnis in Goldpapier wickelte.“ Die Wüste schenkt Stille und Frieden. Das erlebt Nadine gegen Ende ihrer langen Reise – im Oman – noch einmal: „Ich schwamm in das goldgelbe Sandmeer hinaus, sitze nun auf meiner Düne und betrachte die tausend Wellen bis zum Horizont. (…), sehe die Linien im Sand, die der Wind um die Sträucher herum gezeichnet hat. Die wandernde Sonne. Meine Fußstapfen sind verweht, als hätte ich nie existiert.“ Zwischen Wadi Rum in Jordanien und der Wüste des Leeren Viertels im Oman liegen zahlreiche Kilometer und Stationen: Kuwait, Bahrain, Vereinigte Arabische Emirate, Katar. Und nicht zuletzt zahlreiche Erfahrungen sowie Begegnungen – krass unterschiedlich, überraschend, ergreifend, polarisierend. Eine ganz besondere Reise! Nadine resümiert: „Arabien hat mich bewegt, ich habe gestaunt und gelernt. Die meisten Menschen hier berührten mich mit ihrer Zuwendung, beschämten mich mit ihrer Großzügigkeit und beeindruckten mich mit ihrer Würde.“ Und sie sinniert über „Die Erfindung des Orients“: „ (…) betrachte ich die Souvenirverkäufer mit ihren Plüschkamelen und ihren Teekesselchen. Sie präsentieren ihre Waren vor Fassaden, die alt aussehen, aber neu sind. Alles Kulisse. (…) Aber ist nicht genau dieses Schauspiel wahrhaftig? (…) In gleicher Weise wie das Beduinencamp in Jordanien oder die spiegelglatte Vorderseite Kuwaits. Die gigantischen Malls in Dubai sind ebenfalls authentisch oder die Dünen im Leeren Viertel.“ Zum Abschied leuchtet „(…) über uns der Himmel, so blau, als wäre er gelogen.“

Wer mit Nadine Pungs eine weitere, äußerst spannende Reise erleben möchte, den nimmt sie mit in den Iran: Das verlorene Kopftuch – Wie der Iran mein Herz berührte (Piper Verlag, 2018).

Auf dem nächsten Streifzug sind wir Sozius von Sylvain Tesson bei seiner Tour von Moskau nach Paris – auf den Spuren Napoleons … Franziska Lachnit (2020)