In die Ferne träumen (5)

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König der Hobos. Unterwegs mit den Vagabunden Amerikas (Piper Verlag, 2019). Fredy Gareis, ein Abenteurer durch und durch, begibt sich als blinder Passagier per Güterzug quer durch die USA: „Es war kurz nach Mitternacht, als die Polizei die Landstraße entlanggerauscht kam. Die beiden Rentner Tuck und Ricardo fluchten leise und schmissen sich in ein Maisfeld. Schwarze Moskitowolken flogen auf. Der Mais stand schulterhoch, die Erde, auf der wir nun lagen, war feucht. Tuck schob ein paar Maisstangen mit den Händen auseinander. Er blickte hindurch und sagte: ‚Fuck the police.‘ (…) Dann zerriss ein dröhnender Pfiff die Stille. (…) Der Güterzug schob sich rumpelnd aus dem Bahngelände (…)“. Auf diesen Güterzug hatten es Fredy und die beiden Alten abgesehen. Den wollten sie erwischen, um auf ihm gen Westen zu ‚reiten‘. „Nichts, aber auch gar nichts, kann dich auf diesen Moment vorbereiten, wenn die lärmende Höllenmaschine auf einmal an dir vorbeidonnert und die Räder Funken auf den Gleisen schlagen.“ Die ersten zwei Kapitel des Buches geben den perfekten Vorgeschmack auf die Reise, die dann kommt. „Ich wollte ein anderes Amerika sehen. In ein paar Wochen würde mich niemand honey oder sweetheart nennen, sondern Abschaum oder nutzloses Stück Scheiße.“ Fredy Gareis mischt sich unter die Hobos. Ursprünglich waren die Hobos Wanderarbeiter, die in Nordamerika von einem Gelegenheitsjob zum nächsten tingelten – anfangs zu Fuß, später per Güterzug, dessen Schienen sie oft selbst verlegt hatten. Heutzutage springt ein Hobo als blinder Passagier auf den Zug, weil er vom Freiheitsdrang getrieben ist. Das ist illegal und macht den Hobo zu einem vagabundierenden Outlaw. Aber wehe dem, der einen Hobo mit einem Penner gleichsetzt! „Hobos, die Elite des sozialen Kellers.“, erklärt Fredy. „Wenn es draußen kalt ist, dann nimmt der Tramp (Penner) eine Zeitung und stopft sie sich unter die Klamotten. Ein Hobo tut das Gleiche, aber davor liest er die Zeitung noch.“

Fredy Gareis macht Bekanntschaft mit einer anderen Welt. Nicht nur das Güterzug-Hopping gestaltet sich als schwierig und abenteuerlich, sondern auch die Integration in die Hobo-Gesellschaft. Die Männer und Frauen begegnen ihm zwar immer freundlich und hilfsbereit, aber auch skeptisch. Dann lernt er Shoestring kennen. Veteran. Einzelgänger. Einzelkämpfer. Fredy gewinnt sein Vertrauen und darf ihn gen Westen begleiten. Es wird ein aufreibender und faszinierender Ritt durch Güterbahnhöfe, Kleinstädte und die Weite Amerikas. „Wenige Momente im Leben sind so überraschend, wie im Sonnenaufgang auf der Plattform eines Güterzuges aufzuwachen. Rumpelnd werden die Augenlider langsam aufgeschüttelt, vor einem die Wüste, ein Ozean aus Licht und Sand. Am Horizont die Berge, noch schneebedeckt vom Winter, gezackter Rücken eines urzeitlichen Tieres.“, beschreibt Fredy. Er und Shoestring verbringen Nächte auf der Lauer nach dem nächsten Zug, unter Brücken, irgendwo im Schutz von Gestrüpp oder im ratternden Waggon.  Und immer die Angst im Genick entdeckt zu werden – von denunzierfreudigen Bürgern oder gar der Polizei. Stets auch die Mühen, Verpflegung aufzutreiben, einen Schlafplatz zu finden oder ungesehen den passenden Güterzug zu erwischen.

Fredy Gareis erzählt in seinem Buch zahlreiche Geschichten … die von Tuck und seiner Ehefrau Jewel. Von Ricardo, der frei wie ein Vogel sein will. Von Typen, die nur kurz seinen langen Weg kreuzen: Elliot, der in den Nordwesten unterwegs ist, um bei der Marihuana-Ernte Geld zu verdienen. Von Ron, der ziemlich durchgeknallt ist. Ausführlich, manchmal genervt, aber meistens voller Zuneigung von Shoestring. Und letztendlich erzählt er seine eigene außergewöhnliche Abenteuergeschichte.

Franziska Lachnit (2020)