Trampen von Wien nach Amerika

Eine Weltreise: Weltnah (K&S Verlag, 2019) fühlt sich Jakob Horvat auf seinen Etappen rund um den Globus. Die tollkühne Idee eines Kumpels hat ihn alle Zelte daheim in Wien abbrechen lassen, um sich gemeinsam mit dem Kumpel von dort per Anhalter nach Südamerika durchzuschlagen. „Ich halte ein Kartonschild in die Höhe, das einige Passanten nervös zu machen scheint, als wüssten sie nicht, ob sie den Arzt oder die Polizei rufen sollen. Darauf steht in dicken schwarzen Lettern: Südamerika.“ Ein verdammt langer und beschwerlicher Weg liegt vor den Trampern: Von Österreich, über Italien und Südfrankreich sowie quer durch Spanien schaffen sie‘s bis in den Süden Portugals. Jetzt breitet sich der Atlantik vor ihnen aus. Eine scheinbar endlose Weite aus Wasser, die ebenfalls per Anhalter überwunden werden soll. „Wir suchen ein Boot nach Amerika. (…) Und wissen nicht, wie lange es dauern wird, bis wir einen Kapitän finden, der uns mitnimmt.“ Die Abenteurer finden tatsächlich eine Mitsegelgelegenheit bis zu den Kanaren. „Die Kanaren sind zwar nicht die Karibik, aber es wäre ein Anfang (…)“. Was dann folgt, kündigt Jonny, der Kapitän an: „Die Strömung wirkt auf einen menschlichen Körper anders als auf ein Boot.“ „Bis wir das Schiff gewendet haben, hat sie dich längst davongetragen. Die Chancen, dich dann noch zu finden, sind gleich Null.“ Was das genau bedeutet, wird Jakob später auf hoher See erfahren. „Ich habe gehofft, zumindest die ersten beiden Tage zu überstehen, ohne meinen Magen durchs Gesicht zu entleeren. Am späten Vormittag weicht diese Hoffnung der erbarmungslosen Realität mit dem sauren Geschmack eines halbverdauten Gemüseeintopfes. Am frühen Nachmittag frage ich mich zum ersten Mal, was ich mir hierbei eigentlich gedacht habe. Ich habe von der Hoffnungslosigkeit bei Seekrankheit gehört, aber ich war nicht darauf gefasst, dass sie mich so schnell überkommen würde.“ Jakob überlebt tapfer die erste Schaukeltour. Aber er will ja noch weiter! Nach Südamerika! Das bedeutet eine weitere Tortur über die widerspenstig wogende See. Drei Wochen dauert die Überfahrt bis nach Guadeloupe. Ab jetzt wird auch ab und zu geschummelt: Jakob nimmt ein Flugzeug, um nach Kolumbien weiterzureisen. „Die Suche nach dem Glück“ nennt er das Kapitel, in dem er über seine drei Monate in dem, als gefährlich berüchtigten Land berichtet. Dann geht’s „stromabwärts in eine andere Welt“. Amazonas-Urwald. Gleichermaßen intensives Natur- und Urerlebnis. Darauf folgt der Kulturschock: „California Dream – per Anhalter von San Francisco nach San Diego“: „Schon komisch. Wo die Fülle am größten ist, wo fast alles riesig, komplex, ja fast kitschig schön ist, da fühle ich nur blasse Substanz. Zwar strahlend sonnig, aber dennoch kalt.“ Weiter geht’s! Zum Glück mal wieder per Flieger: Maui. „Ich laufe hinunter zum Strand. Hinter mir erhebt sich die Morgensonne über dem Haleakalā, den majestätischen Vulkan.“ 3.055m hoch. Dahinauf will Jakob. Diesmal nicht per Anhalter. Diesmal per Pedes: „Um 2:35 Uhr starten wir gemütlichen Laufschrittes den Hügel hinauf, (…) hinaus in die schwarze Landschaft der tropischen Nacht. (…) Um 5.30 Uhr erhellt sich das Schwarz hinter dem Vulkan langsam zu einem Dunkelblau. (…) Nach drei Stunden sind wir am Fuße des Haleakalā angelangt. (…) Noch ein paar Höhenmeter, dann blinzelt die Sonne hinter dem Kamm hervor (…) Noch 35 km bis zum Gipfel.“ Ein unglaublicher Kampf-Marathon, bis Jakob nach neuneinhalb Stunden sein Ziel erreicht. „Ich reiße die Arme in die Höhe und schreie aus vollem Hals, so laut, wie das meine letzten Reserven noch hergeben.“ Jakob bringt sich auf seiner Weltreise des Öfteren an seine körperlichen und seelischen Grenzen. Er hat sich tatsächlich „raus aus der Komfortzone, rein ins Leben“ katapultiert. Und der „Welt nah“ zu sein bedeutet auch, sich selbst besser kennenzulernen und näher zu kommen.

Die einzelnen Kapitel des Buches werden stets durch eine Seite „Weltnah zu Hause“ verbunden. Darin reflektiert Jakob und gibt Anregungen, wie man die wertvollen Erkenntnisse einer Weltreise auch nach der Heimkehr weiterleben kann.

Jakob verbringt noch sechs Tage allein auf Kauai, einer anderen und sehr einsamen Hawaii-Insel, bis er über Indonesien nach Indien reist. Indien! Das Land der Paläste und Tempel, der Bettler und Yogis. Indien ist ein Land, das man liebt oder verabscheut. „Wer Indien in seiner schrillen Pracht lieben möchte, muss das Land sehen, wie es ist. Darf nichts erwarten und nichts verlangen, muss ihm das überwältigende Anderssein zugestehen.“ Indien ist ein würdevolles Ende einer bedeutenden Reise.

Heute fragte ich Jakob nach einem Rückblick und wie er seine Zukunft sieht:

Jakob, Deine Reise hat ein gutes Jahr gedauert und liegt inzwischen schon fast dreieinhalb Jahre zurück. Welches Erlebnis schwingt jetzt noch am stärksten nach?

Die Atlantiküberquerung auf einem Segelboot ist eine Erfahrung, die mir für immer im Gedächtnis und im Herzen bleiben wird. Ich habe die Idee, von Wien nach Amerika zu trampen anfangs für völlig verrückt gehalten. Schritt für Schritt ist sie Wirklichkeit geworden, aber dann war da der Atlantik. Ich verstand nichts vom Segeln und musste einem Boot vertrauen, von dem ich keine Ahnung hatte, einem Kapitän, den ich nicht kannte und einem Ozean, dem alles zuzutrauen ist. Das war mit Sicherheit eine der größten Herausforderungen, denen ich mich in meinem Leben gestellt habe. Aber als ich nach drei Wochen in der Karibik von Bord gegangen bin, war da so ein immenses Glücksgefühl. Diese verrückte Idee ist jetzt ein Teil von mir – ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt.

Welche Erfahrung hat Dich am stärksten herausgefordert?

Die größte Herausforderung für meinen Körper war der Ultra-Marathon, den ich auf Maui den Haleakalā Vulkan hinauf gelaufen bin. 56 Kilometer und 3.000 Höhenmeter in 9 Stunden. Wenn du mich jetzt fragst: Warum macht man so etwas? Es hat als blöder Gag mit einem Ultramarathonläufer aus Atlanta begonnen, den ich im Hostel kennengelernt habe. Und dann war sie wieder da, die Neugierde. Ich wollte wissen, wie weit mich mein Körper trägt. Dass ich es bis zum Gipfel schaffe, hat mich selbst überrascht. Schritt für Schritt hat eine neue Bedeutung für mich bekommen.

– Nach Deiner Rückkehr nach Wien hatte sich schon bald einiges in Deinem Leben verändert. Inzwischen hast Du Deine Arbeitsstelle als Fernsehjournalist „an den Nagel gehängt“ und arbeitest nun als Autor, Redner, Yoga-Lehrer und Motivationstrainer.

Inwieweit hat Dich die Weltreise dazu bewogen, diese krasse Veränderung vorzunehmen?

Ich habe auf dieser Reise Menschen kennengelernt, die einfach alles anders machen in ihrem Leben, als ich das gelernt habe. Das hat mich fasziniert. Zudem habe ich mich selbst von einer ganz neuen Seite kennengelernt, habe neue Stärken entdeckt und auch Schwächen. Habe vor allem die Erfahrung gemacht, dass das Leben so viel mehr ist, so viel tiefer geht, als ich das bisher für möglich gehalten hätte. Als Journalist war ich immer sehr faktenorientiert, mit Spiritualität konnte ich wenig anfangen. Irgendwann habe ich mich auf dieser Reise zum ersten Mal in meinem Leben gefragt, wer ich wirklich bin, wer ich sein möchte und wer ich bisher glaubte zu sein. Diese größeren Fragen haben mich nicht mehr losgelassen und ich wollte Antworten finden. Neugierde, Offenheit und Vertrauen, das waren die Schlüsselelemente für die Veränderungen, die in meinem Leben stattgefunden haben. Als ich wieder zurück in meinem Job als Innenpolitikjournalist war und ein paar Monate vergangen waren, kam mir der Sinn dafür abhanden. Das System, in dem ich mich tagtäglich so intensiv bewegte, fühlte sich eng an. Meine Karriere dort weiterzuverfolgen, passte nicht mehr zu den Antworten, die ich bis dato auf die oben genannten Fragen gefunden hatte.

  • Zieht es Dich wieder in die weite Welt hinaus?

Ich träume schon seit längerem wieder davon aufzubrechen. Gemeinsam mit meiner Freundin bin ich dabei, diesen Traum zu verwirklichen. Wir bauen gerade einen Van zum Wohnmobil um, sind dabei, all unsere Sachen zu verkaufen und unsere Zelte in Wien abzubrechen. Im Herbst wollen wir los, wohin genau wissen wir noch nicht. Es gibt so viele Länder, die mich reizen würden. Wir beide sehnen uns nach einem simpleren, freieren Leben, näher an der Natur. Unterwegs zuhause sein, online arbeiten, Menschen kennenlernen, Orte entdecken und uns selbst. Ein Leben, das ich mir so bis vor kurzem noch gar nicht vorstellen konnte.

  • Das klingt nach weiteren Abenteuern! Und einem neuen Buch!? Dann also: Gute Reise! Und herzlichen Dank für das Interview. 

Jakob Horvats aktuelle Aktivitäten, einen Podcast, seinen Reiseblog und andere Infos findet man auf seiner Website https://www.thousandfirststeps.com/ .

Franziska Lachnit (2020)