Reiseträume lassen sich im Augenblick nicht in die Tat umsetzen. Deshalb möchte ich Fernweh-geplagte Leser mit auf virtuelle Reisen nehmen. Von erfahrenen Weltenbummlern lassen wir uns an die Hand nehmen und in ihr besonderes Abenteuer entführen: Uns erwartet der Orient – Ist er so magisch wie in Tausendundeiner Nacht? Als Beifahrer erleben wir eine historische Motorradtour von Moskau nach Paris. In Afrika ist Großwildjagd nach Geschichten angesagt. Australien zeigt sich humoristisch. Und per Güterzug vagabundieren wir quer durch die USA. Spannende, witzige, tragische, haarsträubende, berührende Momente … Die folgenden LITERARISCHEN STREIFZÜGE führen uns in die weite Welt hinaus und bieten letztendlich Lesetipps für alle, die nach Reisen und Abenteuern lechzen! Auf geht’s … 

Allem voran erzähle ich zum Vorgeschmack von dem Traum aller Träume: Eine Reise nach Hawaii … Wirklich traumhaft?

Aloha!– Musste es ausgerechnet Hawaii sein? Ein Reiseziel so weit weg, dass wir eigentlich gleich bis Australien hätten fliegen können? Nach über dreißig Stunden Anreise erreichen wir bei Dunkelheit Maui. Im Landeanflug versuche ich Details der Insel auszumachen, um eine erste Orientierung zu bekommen. Aber alles, was man erkennen kann, sind entweder Lichterketten, Lichterflecken oder absolutes Schwarz. Die Ketten interpretiere ich als Straßen, die Flecken als Städte und das Schwarz als Meer. Und so scheint es, als würden die Straßen immer ins Meer hineinführen und die Städte wie Inseln darin schwimmen. Eine Orientierung oder gar Details bleiben mir verborgen. Diese Insel unter uns könnte ebenso Malta sein. Einerseits erleichtert, endlich Hawaii erreicht zu haben, andererseits angefressen von Müdigkeit und Erschöpfung packt mich eine Art Panik: Was, wenn hier gar nicht das Paradies ist? Der Flughafen von Kahului ist beschaulich und jetzt am Abend fast menschenleer. Da sind nur die Passagiere unseres Fliegers, die sich am Gepäckband tummeln. Die Halle ist nach außen hin geöffnet, und die schwüle Abendluft der Tropen heißt uns willkommen. Koffer einsammeln, Mietwagen abholen, und die letzte Etappe der Anreise startet: Nachtfahrt von Kahului Airport nach Wailea Elua Village. Mit letzter Kraft, so fühlt es sich an, erledigen wir unterwegs noch einen Einkauf im 24 Stunden geöffneten Supermarkt. Für das Frühstück am ersten richtigen Urlaubstag soll gesorgt sein! Dann endlich die Ankunft an dem Ort, wo Betten für uns bereit stehen und wir die nächsten siebzehn Tage zu Hause sein werden. Als wir uns aus dem Auto hieven, unser Gepäck sowie die Einkäufe zum Tragen verteilen, sehen wir kaum etwas. Nur ein spärliches Licht weist uns den Weg zum Eingang des Appartements. Ich blicke hinauf zum Himmel. Keine Ahnung, warum ich das tue. Vielleicht, weil ich an einem neuen Ort immer zuerst zum Himmel schaue? Der Anblick ist gigantisch: Die ganze Galaxie breitet sich leuchtend über uns aus, und die Milchstraße umschlingt uns mit ihrem dichten Schleier. Ich könnte niederknien vor Ergriffenheit – erspare aber mir und den anderen diesen Akt von Pathos. Skeptisch, weil unfassbar müde, unterziehe ich die luxuriöse Unterkunft einer ersten Prüfung: Ich wollte keinen Luxus. Ich wollte einfach dem Meer nah sein und möglichst mitten im tropischen Grün. Der Blick vom Balkon bleibt in der Dunkelheit stecken. Ich sehe nichts außer schwachen Konturen von benachbarten Dächern und das Licht von entfernt leuchtenden Straßenlaternen. Ich bin verzweifelt: Wir befinden uns mitten in einer gigantischen Wohnanlage und werden bei Tageslicht auf nichts anderes schauen, als auf Dächer, betonierte Wege und Parkplätze! Das Meer, der Pazifik, wird sich hinter Häusern verstecken, und das tropische Grün werde ich erst im Hinterland finden! – So denke ich an diesem Abend. Ich bin schrecklich müde und in diesem Moment völlig resigniert. Endlich im Bett falle ich in ungewohnt tiefen Schlaf. Etwas weckt mich. Langsam erfasst mich die Realität. Es ist hell. Und laut. Nicht unangenehm laut. Vögel schmettern ihre Rufe in den Morgen. Es ist nicht das niedliche Gezwitscher unserer bekannten Singvögel. Diese Vögel hauen ihre Rufe mit voller Wucht in den neuen Tag. Als ich die Augen öffne, kann ich kaum fassen, was sich meinem Blick offenbart: Sanftes Sonnenlicht liegt auf den Palmen, die ich vom Bett aus sehen kann. Und dahinter liegt der Stille Ozean! Leise, aber aufgeregt, krieche ich aus dem Bett. Zunächst möchte ich die anderen nicht wecken. Ich schleiche auf den Balkon: Da ist es – das Paradies! Unfassbar schön. So müde ich am dunklen Vorabend war, so wach bin ich nun an diesem strahlenden Morgen. Und ich könnte weinen vor Glück. Kitschig? Ja! Aber wahr. Aloha!

Nächste Woche jetten wir mit Nadine Pungs auf die Arabische Halbinsel und erleben Szenen ihrer wundersamen „Reise ins Übermorgenland“. Franziska Lachnit (2020)