„Wir brauchen noch mehr positive Energie!“

HWZ: Die Kampagne zur „Dachmarke Bad Honnef“ ist mit der Verhüllung der Kapelle in Rhöndorf angelaufen mit der provokanten Frage: „Zu schön für uns?“ Was steckt dahinter ?

BM Otto Neuhoff: Zum einen ist das natürlich nicht ganz ernst gemeint, sondern mit der Intention darüber ins Gespräch zu kommen, wie privilegiert wir hier in Bad Honnef leben. Strahlen wir das auch aus? Darüber hinaus verbinde ich damit als Bürgermeister meiner Heimatstadt die Frage: Wie konnte es unter derart günstigen Ausgangsbedingungen soweit kommen, dass die öffentliche Infrastruktur wie z.B. Schulen, Straßen wie auch das Eigenkapital der Stadt derart den Bach runter gehen konnte. Warum verschenken wir leichtfertig unsere guten Ausgangsbedingungen ?

HWZ: Und zu welchem Schluß sind Sie dabei gekommen ?

BM Otto Neuhoff: Im Gespräch mit dem Bürger wird das schnell auf „die Politik“ geschoben. Nun ist es aber so, dass in einer Demokratie alle irgendwie auch Politik sind. Alle wußten oder konnten wenigstens wissen, dass die Haushaltsplanungen der Stadt Bad Honnef regelmäßig hoch defizitär waren. Alle können wählen, alle können an der politischen Willensbildung teilnehmen. Im Herbst 2014, kurz nach meinem Amtsantritt, kam die Gemeindeprüfanstalt im Rechnungsprüfungsausschuß zu dem Schluß: „Das geht noch maximal 10 Jahre gut, dann ist alles weg.“ Ich wiederhole mein Credo: „Gemeinde hat etwas mit Gemeinschaft zu tun, sonst funktioniert kein Gemeinwesen.“ Viele wissen das, und Gott sei Dank handeln auch viele danach. Sonst wären wir in der internationalen Krise im Umgang mit den Schutzsuchenden aus aller Herren Länder untergegangen. Aber mE sind wir da noch nicht weit genug. Wir haben auch viele „U-Boot-Bürger“ die nur dann auftauchen, wenn vor ihrer Türe etwas passieren soll, was ihnen nicht paßt.

HWZ: Sie spielen auf die in den HWZ-Ausgaben vorgestellten Bürgerinitiativen an ? Wie gehen Sie damit um ?

BM Otto Neuhoff: Ich werte das als Kompliment, weil das ja Reaktionen auf politische Entscheidungen oder Pläne sind. Es tut sich also was in Bad Honnef und Bewegung ist ja bekanntlich gesund.

HWZ: Was fehlt denn noch in Bad Honnef ?

BM Otto Neuhoff: Viele Bürger leben in der Vorstellung, dass sie ihre (natürlich zu hohen) Steuern zahlen und die Sache damit für sie erledigt ist, weil von dem vielen Geld die Stadt für alles sorgen kann, wenn sie vernünftig wirtschaftet. Das ist natürlich nicht so. Mit dem Abgang von Penaten, Birkenstock und den Kurkliniken begann der Niedergang. Das setzte sich mit dem Abgang von TX-Logistik fort. Heute ist das KSI zu; Commundo (Telekom) und Uhlhof (GIZ) stehen Stand jetzt bald leer. Die bisherigen Interessenten waren überwiegend in Sachen „Senioren“ unterwegs. Wir liegen aber bereits jetzt mehr als 50 % über dem Pflegeplan-Soll des Rhein-Sieg-Kreises. Wir brauchen also eine Vorstellung darüber, wie und wovon wir zukünftig leben wollen. Und mE kann das nicht die Vorstellung einer Seniorenstadt mit Pflegepersonal sein, um es übertrieben auszudrücken. Und die Vorstellung, was nicht passieren darf, reicht nicht: Man muß etwas aktiv dafür tun. Das ist in den letzten 20 Jahren nicht oder nur unzureichend passiert.

HWZ: Und was hat das alles mit der Dachmarke zu tun ?

BM Otto Neuhoff: Wer attraktives Gewerbe anlocken will, braucht ein attraktives Profil. Wir haben mit der Fa. Wirtgen am Dachsberg einen großen Fisch an Land gezogen, das wird uns voraussichtlich ab 2020 spürbar helfen. Wir haben mit der „Beefer“ einen weiteren zukunftsträchtigen Betrieb für Bad Honnef gewinnen können. Für weiteres attraktives Gewerbe im Lohfeld ist essentiell, dass wir etwas dazu beitragen. Deswegen sind wir mit Christian Birkenstock darüber im Dialog. Im Tagungs- und Touristikbetrieb stehen wir wie bereits ausgeführt erheblich unter Druck. Wir sind stolz darauf, dass wir mit dem Nahverkehrsverbund Rheinland es geschafft haben nach erfolglosen Jahrzehnten wenigstens den Bahnhof Rhöndorf in die Ausbauplanung gebracht zu haben. Überall erzählen wir die gleiche Geschichte, wie wir Bad Honnef entwickeln wollen. Das ist unser Erfolgsfaktor. Es braucht eine Profilierung, um im Wettbewerb mit anderen Städten unsere Talente zu entwickeln.

HWZ: Lohnt sich das? Wer wird am Ende davon profitieren? Was soll konkret dabei entstehen? Oder auf rheinisch: Watt soll der Quatsch?

BM Otto Neuhoff: Wir investieren grob kalkuliert 0,1 % des Haushaltsvolumens für die Zukunft unserer Stadt. Eigentlich müßte das mehr sein, das passt aber im Moment nicht zum Ziel aus der Haushaltssicherung rauszukommen. Unterm Strich wird sich das aber für alle lohnen: Vor allem wird zunächst unsere unter Druck stehende Innenstadt profitieren. Es ist ja kein Zufall, dass mit „Kaiser’s“ der letzte Vollversorger dicht gemacht hat. In Koppelung mit dem geförderten Projekt „Online-Portal“, der geplanten „Bad Honnef-App“ und der höheren Bekanntheit von Bad Honnef wird eine Wiederbelebung möglich. Deswegen setzt die Landesregierung ja mit den Fördermitteln auf die Verbindung von stationärem Handel und Internet. Die IHK propagiert im September ihre Aktion „Heimat shoppen“ diesmal in Bad Honnef. Die Identifikation unserer Bürger mit „ihrem“ Einzelhandel und umgekehrt muss gestärkt werden. Der Erhalt der Innenstadt ist ein lohnendes Ziel: Wir haben noch eine attraktive Innenstadt und einen engagierten Einzelhandel, aber: Von nix kütt nix!

HWZ: Wie geht’s weiter mit der Kampagne?

BM Otto Neuhoff: Der erste Ansatz war nach innen gerichtet. Das Ziel: in Erinnerung zu rufen, wie privilegiert wir leben, wie wir unsere Möglichkeiten nutzen und darüber eine Diskussion loszutreten. Das ist jedenfalls gelungen. Die lebhaften Reaktionen in beide Richtungen belegen das. Es ist Aufmerksamkeit auf dem Thema. Der zweite Schritt ist nach außen. Er beginnt offiziell mit dem Festakt am 27.08., 15 h auf der Insel.

HWZ: Und wie soll die Marke „Bad Honnef“ bekannt gemacht werden? Dafür sind doch eigentlich in unserer kleinen Stadt kaum Mittel da!

BM Otto Neuhoff: Wie bei Radio Eriwan: im Prinzip ja. Es kommt also darauf an, unsere Möglichkeiten intelligent zu nutzen, wie wir das für die Kampagne schon gemacht haben. An sich haben wir nicht die Möglichkeit eine Kampagne in der Qualität zu stemmen. Das ging nur, weil Bad Honnefer Bürger hier mit vollem Herz und für vergleichsweise kleines Budgets sich in den Dienst der Sache gestellt haben. Ich habe bereits mit mehreren Unternehmern gesprochen, die helfen werden unsere Dachmarke und damit Bad Honnef zu verbreiten. Gemeinsam und beherzt nach vorne statt wie Statler und Waldorf auf dem Balkon der „Muppet Show“ das Geschehen zu bekritteln. Wir brauchen mehr positive Energie!

HWZ: Danke für das Gespräch