Islandimpression

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Kurz nach 10 Uhr. Die Morgendämmerung beginnt. Der Himmel wechselt von tiefem Schwarz zu eisigem Dunkelblau, und die Schneelandschaft zeichnet sich schemenhaft ab. Der Sturm der letzten Tage hat sich beruhigt. Neuschnee ist gefallen und liegt  wieder schützend über dem Land. Große Eisschollen treiben gemächlich auf dem Fluss in Richtung Fjord. Stille ist zurückgekehrt.

Zuvor herrschte über uns ein Sturmtief. Cholerisch zerrte der Wind am ganzen Haus und blies Schnee und Wasser über das Land. So hatte er gemeinsam mit peitschendem Regen in der Nacht die Flussufer und Berggipfel blank poliert.

Das Haus knarrte unter der Kraft des Sturms. Eine Schubkarre wirbelte wie ein Luftballon über die Ebene. Wir fühlten uns herausgefordert und bedroht, sobald wir draußen waren. Aber im Haus umfing uns eine wohltuende Wärme und Sicherheit. Vom Sessel aus gesehen, erschien das mächtige Naturschauspiel wie ein mystisches Ereignis.

Wenn wir das Tageslicht nutzen wollen, so müssen wir uns nun auf den Weg machen. Bereits um 16 Uhr versinkt die Sonne am Horizont – kaum dass sie es geschafft hat, einen Blick über die Bergketten zu werfen. Allerdings malt sie in der Zwischenzeit eine Landschaft in wunderbaren Farbschattierungen und taucht bei ihrem Untergang Himmel und Meer in feurige Glut. Und jeden Tag erschafft sie neue Farben, andere Bilder.

Die wenigen Stunden mit ihr erscheinen uns abwechslungsreicher als alle Werke der Kunstgeschichte. Früh fällt Dunkelheit über uns herein, knipst die Sterne an und lässt die Städte in der Ferne wie Lichterketten glitzern.  In unregelmäßigen Abständen erspähe ich ein Leuchten von Scheinwerfern, das sich allmählich nähert und schließlich vorbei fliegt – geräuschlos wie ein Geist. So beobachte ich Auto für Auto – gespenstisch dahin fließend wie die Eisschollen auf dem Fluss. Franziska Lachnit (2017)