„Die, die nicht an Magie glauben, werden sie nicht finden.“ – Roald Dahl. Das stand auf einem Bild im Café. Außerdem war ein kleiner Vogel darauf abgebildet. Ich las die Worte – in diesem Augenblick plusterte sich der kleine Vogel auf, verharrte kurz und hob sich dann von seinem Ast und flatterte aus dem Bild – durch das Café und durch die geöffnete Tür. Hinaus in den Frühlingstag. Er schwang sich zur Kirchturmspitze empor und sah zum ersten Mal die Welt.

Ungläubig nippe ich an meinem Tee. Auf dem Tisch steht eine Vase mit einer kleinen Rose darin. Während ich nochmals an die Worte über die Magie denke, schlängeln sich auf einmal feine Wurzeln aus dem Stiel der Rose. Zuerst zaghaft, dann beinahe gierig füllen sie die Vase. Kriechen aus ihr heraus, über die Tischplatte hinweg. Immer kräftiger werden sie und bahnen sich ihren Weg nach draußen in den Garten. Dort graben sie sich in den Boden.

Irritiert schaue ich um mich. Am Nachbartisch sitzt eine Damengruppe, heftig ins Gespräch vertieft. Meistens reden zwei oder drei von ihnen gleichzeitig. Offenbar haben sie nicht bemerkt, wie sich der Vogel aus dem Bild befreite oder wie die Rose Wurzeln schlug. Auch das Rentnerpaar, das gerade die Tagessuppe löffelt, scheint von den rätselhaften Wundern unberührt. Ich werfe einen Blick in meine Tasse und schnuppere: Eindeutig Tee! – An einem weiteren Tisch haben sich zwei junge Mütter auf einen Kaffee getroffen. Von ihren Kinderwagen umzingelt, tauschen sie Erfahrungen aus. Auch sie sind unberührt von den sonderbaren Ereignissen. Doch der kleine Junge, der bis eben quirlig auf dem Stuhl herumrutschte, macht plötzlich große Augen. Abwechselnd schaut er auf das Bild, dem der Vogel entflatterte, und auf die Rose, die ihre Wurzeln in den Garten schickte. Und dann – verwundert, verbrüdert und mit einer Ahnung von Magie – treffen sich unsere Blicke. Franziska Lachnit (2017)