Vorsichtig drückt sie auf den Klingelknopf. Ihr ist mulmig zumute: „Hoffentlich ist er da! Hoffentlich macht nicht seine Mutter auf!“ Die Haustür des Mehrfamilienhauses öffnet sich abrupt und mit einem kräftigen Surren. Sie betritt das Treppenhaus und steigt Stufe für Stufe in die dritte Etage. An der Wohnungstür wartet er.

Empfängt sie liebevoll mit einer Umarmung. Erleichtert schmiegt sie sich für einen kurzen Moment in diese Behaglichkeit. Dann überfällt sie wieder die Unsicherheit in dieser noch ungewohnten Umgebung. Aber es taucht auch dieses Gefühl der Erregung auf, das sie jetzt manchmal überkommt – völlig unerwartet und unkontrolliert, also überraschend und erschreckend. Bisher hatten sie sich nur bei ihr zu Hause getroffen oder die verschwiegene Kerzenlichtatmosphäre des Jugendtreffs für ihre Zweisamkeit genutzt. Zum ersten Mal ist sie bei ihm.

Er nimmt sie mit in sein Zimmer. Es ist erst seit kurzem sein eigenes Zimmer. Noch vor ein paar Wochen musste er es mit seiner jüngeren Schwester teilen. Die Schwester ist inzwischen in das ehemalige Elternschlafzimmer umgezogen, während die Eltern im Wohnraum ein großes Schlafsofa aufgestellt haben. Sein Zimmer ist gemütlich: grüne Wände, Pflanzen am Fenster und eine handgewebte Tagesdecke auf dem Bett.

Nun  liegen beide vertrauensvoll auf der gewebten Decke. Sie reden ausführlich – von Träumen, Ängsten und anderen Geheimnissen. Sie umschlingen sich fest. Und tauschen keusche Küsse aus. Beide ersehnen mehr körperliche Intimität – trauen sich aber nicht. Für einen Augenblick schlafen sie Arm in Arm ein … Behaglich dann das Aufwachen. Zum ersten Mal erlebt sie ein ungefähres Gefühl von Frau und Mann. Sie muss gehen. Unbemerkt von den Eltern. Ebenso unbemerkt sollte sie auch nach Hause kommen. In dieser unschuldigen Nacht. Franziska Lachnit (2017)