Kleiner Mann ganz groß

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Hoch oben auf den Schultern des Großvaters fühlte es sich gut an. Die Welt sah anders aus und deshalb spannender. Der Großvater hatte ihn gerade vom Kindergarten abgeholt und trug ihn nun sicher heim.

Vor dem Haus kam ihnen die Mutter entgegen: „Ich muss noch mal los, um Plakate fürs Geschäft aufzuhängen“, begrüßte sie die beiden. „Soll ich bleiben, um auf die Kinder aufzupassen?“ fragte der Großvater. „Nein, das ist nicht nötig. Vielen Dank! Seine Schwester wartet schon, und die Kinder können für einen Augenblick alleine sein.“

Der Großvater brachte den Jungen in die Wohnung. Die Mutter machte sich auf den Weg. Als sie schließlich zurückkehrt und die Wohnung betritt, ruft sie begrüßend nach ihren Kindern. „Hallo Mama!“ entgegnet die Tochter. „Wo ist dein Bruder?“ fragt die Mutter leicht verunsichert, da er nicht antwortet. „Ach, der hat seine Jacke angezogen und ist in die Stadt gegangen, um dich zu suchen“ erwidert das Mädchen gedankenverloren.

Das Mutterherz stockt. Sofort verlässt sie wieder das Haus, um nach dem Kleinen zu suchen. „Ruhe bewahren! Nicht den Verstand verlieren!“ Sie vertraut darauf, dass der Junge sich allenfalls in der Fußgängerzone aufhalten wird. „Er würde ganz bestimmt nicht über die Kreuzung beim Kaiser‘s gehen!“ Während sie die Panik unterdrückend in dieser Richtung unterwegs ist, bemerkt sie im Augenwinkel etwas Kleines, Dunkelrotes.

Die Farbe kommt ihr vertraut vor: Da trottet ihr Sohn. Ohne ein Wort zu sagen, hat er sich ihr angeschlossen – wie selbstverständlich. Jetzt fällt nicht nur ein Stein vom Herzen, sondern eine gewaltige Lawine. Glücklich wie seit dem Tag seiner Geburt nicht mehr, nimmt sie den kleinen Mann in die Arme. „Wo warst du?“ fragt sie. „Ich habe in dem Hubschrauber gesessen und auf dich gewartet.“ – Franziska Lachnit (2017)