Laterne,Laterne…

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Ich Weichei, Warmduscher oder wie man sonst noch die Bequemen betiteln mag: Ich stehe am Fenster, wärme behaglich meine Beine am Heizkörper und schaue von meinem heimeligen Logenplatz aus dem St. Martinszug zu. Leuchtende Fische, Eisbären, Herbstblätter, Gänse wackeln durch die regennasse Straße.

Ich erkenne das ein oder andere Kind – alle sind in aufgeregtem Gespräch mit einem Kameraden. Alle halten stolz ihre selbstgebastelten Laternen in die Höhe. Ein paar singen sogar die Lieder mit, die vom Spielmannszug kräftig angestimmt werden. St. Martin schreitet allen voran – und in diesem Jahr zum Glück wieder mit PS unterm Popo und  nicht, wie letztes Jahr, per Pedes! – sondern so wie es sich gehört!

Diese Szene weckt tiefliegende Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend: Der St. Martinszug in unserem Ort, fand selbstverständlich immer am eigentlichen St. Martinstag statt. Ein Höhepunkt unseres St. Martinzuges war ein großes Feuer, das am Ende entfacht wurde. St. Martin saß stolz und erhaben auf seinem weißen Ross – leuchtende Laternen ringsum, und rotgoldene Feuerfunken flogen zum Himmel.

Aber erst nach Zug und Feuer wurde es für uns Kinder und Jugendliche richtig spannend: Wir gingen zum Betteln. In Grüppchen, Paaren oder gelegentlich auch alleine zogen wir in unserer Wohngegend von Haus zu Haus und sangen „Hier wohnt ein reicher Mann … „ oder „Laterne, Laterne, Sonne und Mond und Sterne …“ – meistens laut, manchmal wohlklingend. Alle Betteleinnahmen, die in unseren Tüten landeten – ob Süßes, kleine Geschenke oder Geld – durften wir behalten.

Dementsprechend entwickelten wir großen Ehrgeiz und zogen, je älter wir wurden, immer größere Bettelrunden, um die Ausbeute zu erhöhen. Und wir genossen es, mitten in der Woche, so lange abends durch die Straßen zu streunen. St. Martin sei Dank! Franziska Lachnit (2017)