Unsere Freundin. So schnell und mühelos habe ich noch nie eine neue Freundin gewonnen: Eines Tages stand sie plötzlich an unserer Verkaufstheke und rief mit kräftiger Stimme in mein Büro „Gute Frau!“ Ich trat zu ihr hinaus; verwundert, was ich für sie tun sollte, denn Kundin in unserem Geschäft konnte sie nicht sein und auch nicht werden wollen – dafür sind wir zu sehr spezialisiert. „Könnte ich wohl ein Glas Wasser haben?“ fragte sie außer Atem und in einem Ton, der irgendwie abschreckend klang – so fordernd. Es war Sommer, und die Sonne hat-te Glut über die Straßen geschüttet. Kein Wunder, dass diese Frau durstig war! Ich reichte ihr natürlich gerne ein Glas Wasser, blieb aber zurückhaltend und war nicht besonders freundlich. Ihr Tonfall wirkte im ersten Augenblick wie eine Attacke; ihre Worte schossen aus ihr heraus. Und ich wusste noch nicht, ob ich mich angegriffen fühlte. Außerdem wollte ich wieder in mein Büro und die Arbeit fortsetzen. Als dann, nach dem durstigen und hastigen Hinunterschlucken des Wassers, überschwängliche Dankbarkeit aus ihr heraussprudelte, löste sich meine Anspannung. Auf einmal war ich bereit, ihr ein bisschen meiner Zeit zu schenken. Sie beschwerte sich, dass man ihr an einem anderen Tag das Wasser verwehrt hatte. Ich schmunzelte in-nerlich in Anbetracht ihrer lebhaften Empörung und fühlte mich wohl in meiner Rolle als gute Fee, die einen Wunsch erfüllt. Schließlich musste sie noch den ganzen, vor Hitze flimmernden Weg vom Tal bergauf bis zum Ende der Straße laufen…Seit diesem Tag nennt sie mich „Freundin“. Mittlerweile hat sie viele „Freunde“ gefunden, denn jeder, der ihr freundlich begegnet, darf ihr Freund sein.

Franziska Lachnit (2016)

streifzuege_kol_2016