Mein Baum

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Ich lebe auf einem Baum, einer Linde. Neben meinem Baum stehen auch andere Bäume. Dennoch bin ich nie auf die Idee gekommen umzuziehen. Ich liebe meinen Baum! Er hat die vollkommene Form mit seinem Geäst und Blätterwerk. Wie eine grüne Wolke liegt diese Krone auf seinem Haupt. Im Frühjahr frisch und lebenshungrig. Im Sommer blühend und in Duft gehüllt. Mit seiner Blätterfülle gibt er mir dann vollkommenen Schutz. Später, wenn schleichend der Herbst naht, verwandelt sich langsam das Laub von sattem Grün in kräftiges Gelb, bis es sich schließlich verabschiedet und vom Wind fortgetragen wird.

Von dem Ast aus, auf dem ich am liebsten sitze, eröffnet sich nun ein weiter Blick auf die Umgebung. Die Sonne erreicht mich noch und vertreibt die Kälte, die die Nacht hinterlassen hat. Der Winter scheint noch fern – bricht aber plötzlich über meinen Baum und mich herein. Und dann, wenn alles um uns herum frostig wird, Raureif die nackten Äste glitzern lässt, spricht mein Baum eine besondere Sprache. Und ich höre genau zu. Denn nun sind die Tage einsam und still. Wenige Vögel, die von Ast zu Ast hüpfen und sich leise unterhalten.

Keine Bienen, die summen. Menschen nur noch gedämpft und hinter Mauern; nicht mehr wie im Sommer laut lachend auf Partys. So hüllt mich der Winter in seinen Frieden. Ich kräusel mich auf meinem Lieblingsast ein, schaue in den klaren Himmel, der früh von Dunkelblau in Schwarz versinkt. Etwas in mir löst sich und geht auf Reise: Meine Reise führt in die Vergangenheit. In die Zeit, als der Baum noch nicht mein Zuhause war. Damals lebte ich in einem Gefängnis aus Gewohnheit und Pflichtgefühl.

Eingemauerte Routine. Lebensfreude war nur eine Erinnerung. Leidenschaft eine Sehnsucht. Aber Erinnerung und Sehnsucht waren letztendlich so mächtig, dass sie mich hinaus führten. Jetzt bin ich hier. Auf meiner Linde. Hier, wo ich die Jahreszeiten in all ihrer Härte und Zärtlichkeit erfahre. Wo Kälte und Hitze, Dunkelheit und Sonnenlicht, Lärm und Stille – wo diese Gegensätze meine Welt bedeuten. Franziska Lachnit (2018)