Ein Blick in die Heimat syrischer Flüchtlinge

Khunaf und Ahmad aus Syrien haben uns bereits ihre Geschichte erzählt (HWZ 691).  Sie sind aus Quamischli geflohen, da die Bedrohung durch türkische und russische Soldaten nicht nachgelassen hat. Erst kürzlich wurden dort sechs Kurden durch eine Bombe getötet. Khunaf telefoniert täglich mit ihren Eltern, die etwas abseits der Stadt auf dem Land leben. Auch nicht ungefährlich. Kurz vor ihrer Flucht musste sie miterleben, wie ihre Nachbarn erschossen wurden. Der Krieg ist noch nicht zu Ende. Trotzdem wird in Syrien Weihnachten gefeiert. 

„Milan Majid“. Mit diesen Worten begrüßen sich die Christen in Syrien zu Weihnachten.Vor allem in Städten wie Homs oder auch im Viertel Bab Touma in Damaskus wird das heilige Fest ähnlich wie in Deutschland gefeiert. Trotz des Krieges und der eisernen Diktatur des nicht gewählten Präsidenten Assad genießen die verschiedenen christlichen Gruppen eine relative Freiheit. Der 25. Dezember ist selbst in Syrien ein offizieller Feiertag, auch wenn nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus Christen besteht.

Die Geschichte dieser Konfession im heutigen Syrien hat ihren Ursprung im alten Antiochien, heute Antakya. Dort wurden nach der Apostelgeschichte die Jünger Jesu zum ersten Mal Christen genannt. Antiochien war neben Rom, Konstantinopel und Alexandrien ein Patriarchensitz – noch vor Jerusalem. Auch christliche Wallfahrtsorte sind in Syrien zu finden. Saidnaya, gegründet vom Kaiser Justinian, beherbergt das wahrscheinlich älteste ständig bewohnte Nonnenkloster der Welt.

Die Nachfahren dieser Gläubigen haben über viele Jahre das Weihnachtsfest wie in anderen Ländern gefeiert. In der Vorweihnachtszeit steckten syrische Kinder einen Wunschzettel in einen Strumpf. Außerdem wird gebrauchtes Spielzeug oder Kleidung gespendet. Die Kirchen lassen es dann Bedürftigen zukommen. Am Heiligabend kommen viele Familien nach dem Kirchengang zusammen und ein Großteil kleidet sich traditionell vor dem Fest neu ein. Auch ein geschmückter Weihnachtsbaum darf nicht fehlen, dieser ist aber meistens künstlich. Um Mitternacht wünschen sich alle “Frohe Weihnachten” und die Geschenke werden von „Papa Noel” gebracht.
Dann kam der Krieg und viele Christen sind in andere Länder geflohen. Ob diejenigen, die geblieben sind, an ihren Traditionen weiter festhalten können, ist fraglich. Ein unbeschwertes Fest werden sie auf jedem Fall kaum feiern können.

Pater Khalil Arar, Franziskaner in Bab Touma, leitet eine ökumenische Schule. Dort werden Kinder und Jugendliche aller syrischen Religionsgemeinschaften unterrichtet: Druzen und Aleviten, Sunniten und Schiiten, Maroniten und Katholiken. Pater Khalil erzählt: “Früher war es bunt und strahlend. Seit dem Krieg ist es anders. Weihnachten ist ein Fest im engeren Kreis der Familie – zu Hause, bei Kerzenlicht; keine elektrischen Leuchten, keine Party auf der Straße. Ich bin aber damit zufrieden, Weihnachten ist keine Straßenparty. Wir leben in einer sehr schwierigen Situation, aber andererseits gehen wir deshalb in die Kirche und besinnen uns auf das Essentielle, das Leben. Unddas ist, was Weihnachten ausmacht.” Der junge Siwar, Schüler von Pater Khalil, ergänzt die Aussage seines Lehrers: “Es herrscht Krieg und wir durchleben wirklich sehr viel Schlechtes. Wir sind mehr zu Hause und stellen einen Weihnachtsbaum auf. Und nicht viel mehr. Viele Familien haben jemanden verloren, es geht jetzt vielmehr um Zusammenhalt auf der ganzen Linie.” Aber trotz der kriegsbedingten Alltagshärten haben diese Christen in Syrien und anderswo noch die geistige Kraft, diese fast magisch klingelnden Worte auszusprechen, die auf eine bessere Zukunft hoffen lassen: Milad Majid. Frohe Weihnachten. fm