Es war eine Schnaps- oder doch wohl eher eine Rotwein-Idee: Als sich die Sängerinnen und Sänger des Bad Honnefer Gospelchores `n Joy am Donnerstagabend im Innenhof des Gemeindezentrums zur Probe trafen, war die Frontseite der Erlöserkirche eingerüstet.

Leitern, Geländer und Stiegen vom Boden bis zum Kirchturmhahn. Eigentlich eine ideale Bühne für ein kleines Konzert, dachte sich die kleine Truppe, die sich nach der Probe bei Dunkelheit um einen Pappkarton mit Rotwein versammelt hatte und darüber klagte, dass die Konzerte und Chorreisen in diesem Jahr ausgefallen sind und auch das nächste Jahr kein normales Chorleben ermöglichen dürfte. So ein Gerüst böte doch ideale Bedingungen für ein wenig Chorgesang in Corona-Zeiten: Statt in Reihen nebeneinander zu stehen, könnte man sich übereinander aufstellen. Chorgesang auf vier Etagen.

Kaum jemand hätte gedacht, dass aus einer Rotweinlaune so schnell Wirklichkeit werden würde. Doch Pfarrer Uwe Löttgen-Tangermann fand das gut und war bereit, das Risiko in Kauf zu nehmen. Nur schnell musste es gehen. Denn in dieser Woche wird die Kirchenfront auch noch nach Art des Künstlers Christo mit Plastikfolie eingepackt – dann wäre das Projekt unmöglich.

Die Alarmketten bei `n Joy funktionierten. Über WhatsApp, facebook, Mail und Mund-zu-Mundpropaganda verbreitete sich die Idee vom geplanten Flashmob. Als die hinter Geländern versteckte Kirchturmuhr der Erlöserkirche am Sonntag auf 18 Uhr sprang, waren mehr als 50 Sängerinnen und Sänger erschienen – und hatten noch Familienangehörige, Freunde und Fans mitgebracht.

„Tut mir einen Gefallen: Seid, anders als sonst, diszipliniert und achtet beim Aufstieg auf Abstand und Maske“, bat Löttgen-Tangermann seine Mitsänger. Und schon bald erklangen aus einigen Metern Höhe und dirigiert vom Chorleiter mit Bodenhaftung einige der Lieblingssongs des Chores . vom „Stammbaum“ der Black Fööss bis zu „Angels“ von Robbie Williams.

Ein tolles Experiment, das auch die immer mehr werdenden Zuhörer und Passanten mit Beifall und Mitsingen belohnten. Überraschend die unerwartet gute Akustik auf dem Vorplatz der Kirche. „Endlich mal wieder eine tolle Gemeinschaftsaktion“, freuten sich die Chormitglieder, die zwar schon mehrfach wieder geprobt haben – allerdings unter freiem Himmel und mit großem Abstand, was dem gewohnten Chor-Feeling doch ziemlich Abbruch tut.

So manche Sängerin und mancher Sänger äußerte anschließend die Hoffnung, dass der Chor ja das fast schon abgeschriebene Adventskonzert vom Gerüst aus bestreiten könnte. Ein ganz besonderes Erlebnis von einer ganz besonderen Bühne. Doch ob das Gerüst dann noch steht? Und ob das überhaupt realistisch ist? Corona hat in diesem Jahr schon für manche Nackenschläge und manche Überraschung gesorgt. eb