Im Keller kramte ich nach alten Briefen. Liebesbriefen, wie ich hoffte. Aber die Briefe waren weg. Ich hatte sie wohl schon in einem Anfall von Altlastenentsorgung der Altpapiertonne anvertraut. Oder sogar verbrannt? Was ich allerdings fand, war ein Album mit Glanzbildern sowie zwei Poesiealben.

„In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken.“ – „Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken; nur die eine nicht, und die heißt Vergissmeinnicht.“ – Das waren die üblichen Eintragungen im Poesiealbum. Aber es gab auch andere. Welche mit tieferem Sinn: „Wer lächelt statt zu toben, ist immer der Stärkere.“ – „Gott gibt dir die Nüsse, aber er knackt sie nicht auf.“ – „Glaube nicht alles, was du hörst; sage nicht alles, was du weißt; tue nicht alles, was du magst.“ – Und dann das: „Ein treuer Feind ist fast so gut wie ein Freund.“

Geschrieben von meiner besten Freundin! – Mein Erstaunen darüber ist groß. War sie vielleicht gar nicht meine Freundin, sondern ein treuer Feind. Wundern würde mich das im Nachhinein nicht. Oft wurden die poetischen Eintragungen mit Glanzbildchen veredelt. Diese waren eigentlich Überbleibsel aus vergangenen Generationen: Wie gesagt – ich fand so ein Album, und zwar mit der Aufschrift „Stammbilder“.

Es gehörte offensichtlich meiner Patentante als sie noch ein kleines Mädchen war. Sie hatte ein unbenutztes „Tafelheft“ (Hausaufgabenheft?) umfunktioniert und bunte Bildchen von Babys, Kätzchen, Hündchen, Mädchen und Jungen in allerlei Situationen hineingeklebt. Die besonders wertvollen Bildchen sind mit Glanzsprenkeln verziert. Auch ohne diesen Silberglitzer glänzt aus jedem Bildchen unvergänglicher Kitsch. Auf den letzten Seiten dieses Heftchens hat wohl die kleine Franzi ein paar Glanzbilder hinzugefügt: Mickey Maus, Donald Duck und Konsorten. Die Zeiten und ihre Motive hatten sich geändert. Der Glanz blieb. Franziska Lachnit (2018)