Vielleicht ist das Nasebohren ein sehr intimes und leicht ekeliges Thema, aber genau deshalb trägt jeder seine ganz geheimen Popelgeschichten mit sich herum. Zumeist stammen sie aus der Kindheit, nehme ich an. Jedes Kind lernt schnell, dass die Popel zunächst in der Nase bleiben sollen, um diese bei einem vornehmen Schnäuzen ins Taschentuch loszuwerden.

So der Wunsch der Erwachsenen. Aber jedes Kind popelt stattdessen mit Hingabe in der Nase. Ist Nasenloch Nummer eins ausgeräumt, freut man sich, dass die Nase noch eine zweite Fundgrube hat. Hurra! Und nun? Wohin mit der klebrigen Beute? Da man eigentlich nicht in der Nase bohren darf, müssen die Rotzklümpchen an einem geheimen Örtchen versteckt werden. So entstehen im Laufe der Zeit erstaunliche Popelsammlungen. Viel nachhaltiger jedenfalls, als die Popel einfach zu futtern! – Was natürlich noch viel mehr verboten ist, als das Nasebohren!

Bei der Wahl des Popelverstecks stehen der Kinderphantasie selbstverständlich alle Wege offen. Mein kleiner Bruder und ich klebten unsere Prachtstücke heimlich an die Unterseite eines Regalbrettes am Kopfende unserer Betten. Dort konnten sie wunderbar trocknen und für eine Kinderewigkeit erhalten bleiben. Mein Nachwuchs fand ein weniger verborgenes Versteck: Sie rieselten ihre Rotzkrümel in die Polsterritzen des Sofas. Dort entdeckte ich sie schnell und hob diese Schatztruhe regelmäßig mit dem Staubsauger aus.

Kinder lieben ihre Popel! – dachte ich. Deshalb müssen sie versteckt werden wie ein Schatz! – dachte ich. Aber neulich begegnete mir unser Nachbar mit seiner kleinen, pfiffigen Tochter auf den Schultern. Nachbar und ich verloren uns in einem Gespräch, bis die Kleine ihrem Papa den Zeigefinger vor die Nase hielt: „Papa, ich habe einen Popel.“ – „Gut, dann halte ihn einen Moment fest.“ – „Papa, ich brauche den Popel aber nicht.“ – Ist das zu fassen? Franziska Lachnit (2019)