Rumpelstielzchen

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Als alleinerziehende und berufstätige Mutter hatte sie sich während der Schulzeit ihrer Kinder kaum in schulische Aktivitäten eingebracht. Zwar hatte sie hin und wieder einen Kuchen für eine Schulfeier gebacken, aber niemals die Lesemutti oder den Bastelhelfer gemacht.

Einmal jedoch ließ sie sich hinreißen: In der Grundschule wurde eine Projektwoche mit dem Thema Märchen angekündigt. Ohne Frage ein Projekt, das man auf außergewöhnliche Weise und multikulturell behandeln konnte. Sofort wusste sie, wie sie die Kinder aber auf einfache Weise begeistern würde: Warum das Thema nicht mal von der humorvollen Seite angehen? Ihre Idee nahm lebhaft Gestalt an:  Sie wollte den Schülern die düsteren Märchengestalten der Gebrüder Grimm mit Hilfe eines lustigen Films präsentieren.

Aus einer gelungenen Mixtur verschiedener Märchen sollten die Kinder die einzelnen Geschichten erkennen. Nachdem diese dann in klassischer Form vorgelesen wurden, konnten die Kinder in Bildern – Portraits der Figuren oder als Comic – die Stories kreativ verarbeiten. Die Mädchen malten mit Hingabe rosafarbene Prinzessinnen, hässliche Hexen oder niedliche Zwerge. Die Jungs konzentrierten sich auf männliche Charaktere wie den stattlichen König, einen starken Zwerg oder das listige Rumpelstielzchen.

Und da begegnete ihr ein ganz besonderes Rumpelstielzchen: Statt um ein Feuer herumzutanzen, stand es einfach da und hielt einen Regenschirm schützend über sich. Zahlreiche Wassertropfen prasselten darauf nieder. Ein lustiges Bild! – schmunzelte sie innerlich. Allerdings verwunderten der Schirm und die Tropfen. „Warum hat Rumpelstielzchen einen Regenschirm?“ fragte sie den Schüler. „Die Prinzessin weint doch, und wegen der vielen Tränen braucht Rumpelstielzchen einen Regenschirm.“ Franziska Lachnit (2017)

Foto: Franziska Lachnit