Kämpft man sich bei Schneesturm oder Eisregen durch das winterliche Island, so kann man gar nicht glauben, dass hier beinahe eine halbe Million dieser puscheligen Nutztiere gehalten werden. Während die tapferen Islandpferde jedem Wetter trotzen, behütet man die Schäfchen des Winters lieber im Stall. Der Reisende erspäht also nur gelegentlich eine Handvoll Wollknäule. Sie kauern sich zusammen, im Windschatten bibbernd, mit eingeklemmten Schwänzchen und traurig-verzweifeltem Blick.

Und das, obwohl sie ihr dichtes Wollkleid tragen. Nun ja, es ist wasserabweisend und recht windbeständig, aber wer einmal im Winter in Island war, weiß warum auch Schafe frieren. Besucht man das Land im Herbst, so kann man beim Schäfchen zählen schon mal schläfrig werden: Auf gelben Weiden, rötlichen Wiesen, holperigen Lavafeldern stehen und liegen sie vereinzelt, dennoch zahlreich wie vom Himmel herabgestreute Wattebällchen. Dekorativ und niedlich. Aber erst im Sommer erkennt man, dass es in ganz Island von Schafen nur so wimmelt: Da, wo sonst nur ein Schaf ist, gibt es sie nun im Dreierpack.

Überall tummeln sie sich zu dritt – in Straßengräben, mitten auf der Straße, an steilen Berghängen, auf Wiesen sowieso und gelegentlich auch in selbstverschuldeter Gefangenschaft. So hatte sich einmal ein Schäfchen tollkühn oder lediglich verfressen dumm in ein abgezäuntes Gemüsefeld begeben. Der Rest der Truppe graste gelassen am Straßenrand und bemerkte nicht einmal, dass ihr Kumpel eingesperrt war. Nur mit menschlicher Hilfe konnte das verlorene Schaf befreit werden. Ebendieses Schaf schaffte es daraufhin erneut, sich ins Abenteuer zu stürzen: Laut blökend stand es früh am Morgen vor unserer Hütte. Wie war es auf das umzäunte Grundstück gekommen? Das wusste Schäfchen wohl auch nicht mehr. Wir öffneten ihm also das Gatter … Franziska Lachnit (2019)