Sonniger Sonntag

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Ein herrlicher Wintertag. Endlich. Denn endlos erschienen die Tage, die sich in einheitliches Grau hüllten und immer schon morgens zum Abend wurden. Licht gab’s nur elektrisch oder für den Romantiker bei Kerzenschein. Heute aber begrüßt uns die Sonne mit einem schmunzelnden „Hallo! Ich bin noch da!“ und erleuchtet diesen Sonntag.

Das weckt die Geister, die sich längst dem Winterschlaf hingegeben hatten. Raus aus dem Bett! Kaffee und gebutterte Brötchen mit Himbeermarmelade. Dann warm anziehen – das Thermometer widersetzt sich dem äußeren Anschein: Auch wenn die Sonne strahlt, ist es klirrend kalt. In die Winterrüstung gehüllt trete ich vor die Tür. Ziehe diese kräftig zu, atme tief durch und fühle mich wie ein Häftling, der endlich sein Gefängnis verlassen kann. Freiheit! –Doch ich begehe einen Fehler und spaziere nach Rhöndorf.

Der Weg erfreut noch meine Sinne: Kahle Baumkronen zeichnen mit ihrem Geäst Bilder an den blauen Himmel. Traumhafte Häuser säumen die Straße. Aus manchen weht bereits der Duft von Bratensoße und anderen Köstlichkeiten des Sonntagsmahls. Kirchenglocken bimmeln. „Schön ist es in unserem Städtchen!“ Aber als ich durch das friedliche Gässchen – rechts die gackernden Hühner von Frau Koch sowie die freundlich kläffenden Hunde von Herrn Koch – auf die Löwenburgstraße gelange, erkenne ich meinen Fehltritt.

Hier ist die Hölle los! Menschenströme von rechts nach links und umgekehrt. Irrfahrende Autos auf der Suche nach dem perfekten Parkplatz – möglichst direkt vor Herrn Adenauers Grab. Vom Blitz der Erkenntnis getroffen bleibe ich stehen. Und jetzt? Soll ich mich durch die Besucher kämpfen, um bei Peter ein Stück herrlicher Torte zu ergattern? Oder ergreife ich die Flucht durch den Wald? Schließlich ziehe ich meinen Kopf tief zwischen die Schultern und beeile mich, den Rhein zu erreichen, um in ruhigere Gefilde und wieder nach Hause zu gelangen. Franziska Lachnit (2019)