An Wochenenden strömen unzählige Touristen in das Siebengebirge. Bad Honnef bleibt davon verschont.

STADTENTWICKLUNG: Wie sieht das Erfolgsrezept für Bad Honnef aus?

Eines kann man den Stadtplanern nicht vorwerfen: Selbstzweifel. Sie wissen, was sie wollen. Viele neue Häuser, zahlreiche Baugebiete, ganz viele neue Bürgerinnen und Bürger. Um das zu realisieren, geht es herauf mit fast allem, was die bisherigen Einwohner etwas kostet. Höhere oder neue Gebühren, höhere kommunale Steuern. Denn der Haushalt muss ausgeglichen werden. Nur wenn das gelingt, kann investiert werden in Wachstum. Nur dann gibt es die Freiheit (und die Kredite), um Bauareale und Infrastruktur zu errichten. Gelingt der Ausgleich nicht, dann wird die Kommunalaufsicht große Investitionen der Stadt untersagen – und die Freiheit des Rates sowie der Verwaltung zu selbstbestimmtem Handeln beenden.

Es ist keineswegs verwerflich, die heutigen Honnefer Menschen für die Entwicklung ihrer Stadt heranzuziehen. Hier werden Jene in die Pflicht genommen, die zuließen, dass ihre Kommune über Jahrzehnte ausblutete, nichts oder wenig für die Zukunft tat und stattdessen bestehende Werte veräußerte zur Sicherung eines trügerischen Zustandes. Der vielzitierte Ausverkauf des Tafelsilbers. In Konsequenz der Verlust von Perspektive. Also bleibt richtig, dass Bad Honnef aufbricht.

Dennoch darf besprochen werden, wohin die Reise gehen soll. Reflektierende Politiker sind selbstverständlich nicht sämtlich feige Nörgler, Skeptiker, Verweigerer. Wer auf die Einkommenssteuer von Zuzüglern setzt, muss wissen, dass die dann notwendige neue Infrastruktur mit Schulen, Kindergärten, Straßen etc. viel kostet. Soviel, dass über Ansiedlung erst nach 15 bis 25 Jahren tatsächlich Mehreinnahmen in der Stadtkasse anfallen. Allerdings: Vielleicht wird so die City frequentierter, verdienen die Geschäftsleute besser, werden mehr Steuern gezahlt.

Was stimmt? „Sekt oder Selters“ scheint als Alternative zu simpel gestrickt. Richtig oder falsch ebenso. Was sie will oder als Leitplanken neuer Entwicklung akzeptiert, bleibt als Antwort stets der Bürgerschaft selbst vorbehalten. Allein solche Sicht ist legitim. Nicht die Attitüde eines Verwaltungsplaners, der ernsthaft glaubt, dass es ohne seine spezielle eigene Sicht von Fortschritt nicht voran geht. – Aber eben auch nicht ohne eine Stadtregierung, die sich entscheidet, Ideen kreiert und diese verwirklichen will.

„Die Wahrheit ist auf dem Platz“, sagte ein weiser Mann des Fußballs. So ist es. Was woanders klappt, muss nicht automatisch Erfolgsrezept für Bad Honnef sein mit dessen imponierender Lage und Umgebung. Zumal wir spät dran sind, die Jahre boomender Bevölkerungszahlen sehr gründlich verpasst haben. Auch weil sich bisher jedes regionale Wachstumsszenario als Trugbild erwiesen hat. Die 19.000 Neubürger der letzten Dekade im Rhein-Sieg-Kreis sind weitestgehend Flüchtlinge – und weit weg von den prognostizierten 50.000. Zumal die Zahl der Gestorbenen im Kreis und ganz besonders in Bad Honnef die Zahl der Geburten inzwischen überholt hat. Und zur Erinnerung: Wir sind nicht mehr der Speckgürtel einer prosperierenden Hauptstadt, sondern liegen an der westlichen Peripherie des Staatsgebietes.

Insofern ist es als Zug zur Realität zu betrachten, dass die Stadt verstärkt auf öffentlich geförderten Wohnungsbau setzt. Am Ortseingang Aegidienbergs entstehen gerade 42 Einheiten dieser Art, weitere sind an der Grenze zu Windhagen möglich. Auch im Tal sieht der Masterplan ISEK ganze Gebiete für das vor, was früher Sozialer Wohnungsbau hieß. Gut so! Unlängst war sich Bad Honnef für solche Erkenntnis noch zu fein. Wollte jene Verantwortung nicht übernehmen, die der neue Bürgermeister jetzt wahrnimmt. Das ist verdienstvoll.

Wenn da nicht die Irrungen wären. Wer attraktiv sein will, der sollte zum Beispiel wohl kaum im Lohfeld Parkraum bezahlpflichtig machen. Tausende von Besuchern des Inselbades kommen treu hierhin – zum Teil seit Jahrzehnten – und sehen sich nun abgezockt. Dass Parkautomaten in der City sinnvoll sein können, verstehen Viele; aber in der Mitte des Nirgendwo, nur um den Badegästen ins Portemonnaie zu greifen und den tatsächlichen Eintrittspreis mal eben zu verdoppeln? Das ist zu offensichtlich, und den betroffenen bisherigen Freunden wird das Verlangen, jemals in diese Stadt zu ziehen, gründlich ausgetrieben.

Kann eine Stadt attraktiv sein, die ihre Sport- und Gemeinflächen opfert? In einer Art Stellreflex keinen Sportplatz oder kaum ein innerstädtisches Wäldchen sehen kann, ohne nicht umgehend dessen Bebauung wohlwollend zu prüfen? Die so etwas ernsthaft „Veredelung“ nennt? Auf den Punkt gebracht: Wer entlang der Schnellstraße B42 dringend als Schutz gegen Ruß und Feinstaub benötigte Bäume sägen will für preiswerte öffentlich geförderte Wohnungen, deren Mieter dann an vorderster Front Schadstoffe „wegatmen“ – der bewirbt sich, eher als Zyniker verdächtigt zu werden denn als Wohltäter der Menschheit. Fragwürdige Projekte wie der Floßweg, gegen Widerstand aller Anwohner forciert, erhärten den Eindruck.

Andererseits entstehen Gesamtschule und neue Mehrfachhallen. Werden erste Erfolge erzielt in der Ansiedlung neuen Gewerbes. Erlebt die Orientierung auf mehr und besseren Radverkehr einen Aufschwung. Etabliert sich erstmals eine Dachmarke und zementiert quicklebendige Diskussionskultur, in welcher die Schlauen über Inhalte bzw. Ausrichtung streiten und Andere über Posten, Rücktritte, Abwahlen sowie all das, was Keinem hilft. Denn Schwarz gegen Weiß gibt es nicht, wohl aber konstruktive Debatte zur Erreichung eines Ziels. Denn viele Wege können nach Rom führen. Oder?

Sowieso bremsen ja noch besonders stabile Faktoren der alten Honnefer Weisheit: „Es war schon immer so.“ Eine Geschäftsstadt, die um 18.30 Uhr die Bürgersteige hochklappt, lockt Niemanden. Wer immer in der Region nach Dienstschluss noch etwas erledigen will, versucht das bestimmt nicht in dieser City. Mittags bleiben die meisten Gaststätten souverän geschlossen, sodass hiesige Bankvorstände mittlerweile bei Metzger Hielscher in „belegtes Brötchen“ machen. Mangels Stimmung und Umfeld besitzt selbst der ehemalige mittägliche Hotspot Franco dann gerade mal noch eine Handvoll Gäste. Die heute Zeitung lesen und vergebens auf die Protagonisten vergangener Tage warten.

Das Thema der toten City ist so alt wie stabil. Keine Gäste, deshalb vorzeitiger Blockschluss? Oder keine Angebote, deshalb kein Interesse? Die Frage nach der Henne und dem Ei. Wie können Rettung und Aufbruch aussehen? Quantitativ wachsen oder qualitativ besser werden? Oder beides? Jedenfalls geht es um Richtungsentscheidungen. Und um Fingerspitzengefühl. Wer überrollt wird, nicht gewonnen oder geachtet in seiner Meinung, der wird kein guter Partner sein. Die aber braucht die Stadt.                                        bh