Sie selbst hatte sich den Namen „Tante Jordan“ gegeben. Jeder ihrer Nachbarn sollte sie so nennen. „Jordan“ war ihr Nachname; den Vornamen kannte niemand. Tante Jordan konnte manchmal ungewöhnlich nett sein und verschenkte dann Bonbons an die Kinder. Meistens jedoch war sie griesgrämig und meckerte, wenn man im Hof ein bisschen mit dem Ball kickte, Fangen spielte oder die Einfahrt nicht gekehrt wurde. Waren die Fensterläden ihrer Wohnung geschlossen, sollte man besser keinen Radau machen.

Denn dann wollte sie eindeutig ihre Ruhe haben. Tante Jordan lebte allein. Vielleicht steckte sie deshalb voller Gram. Wir wussten es nicht. Als sich in unserem Ortsteil der kleine Supermarkt auf Nimmer-Wiedersehen verabschiedete und Tante Jordan immer gebrechlicher wurde, hatte sie ein Problem: „Woher bekomme ich das, was ich täglich brauche?“ Sie konnte nicht weiter vor die Tür als ein paar Meter. Die Zeiten, dass der Milchmann bimmelnd die Straße entlangfuhr waren schon lange vorbei.

Tante Jordan hatte niemanden, der ihr half. Niemand interessierte sich für sie. Sie hatte sich die gesamte Nachbarschaft mit ihrem Gezeter und Getratsche verscherzt. Ein Taxi zum großen Supermarkt außerhalb der Stadt konnte sie sich nur gelegentlich leisten. Dann blieb aber nicht mehr viel Geld für die Einkäufe. Anfangs schlurfte Tante Jordan zwar jeden Tag zum Bäcker ums Eck, holte ein Brötchen und manchmal ein Stück Kuchen, aber davon allein kann kein Mensch leben.

Schließlich sah man sie nur noch selten, und dann erschien sie einem klapperig und verhärmt. Irgendwann begegnete man ihr gar nicht mehr. „Lebt sie eigentlich noch?“, fragte man sich im Stillen. Und eines Tages wurde gemunkelt, dass sie ins Pflegeheim gekommen sei. Offensichtlich war da doch jemand, der sich – zumindest ein wenig – um sie gekümmert hatte. Ein Jahr später erschien schon ihre Todesanzeige in der Tageszeitung. Niemand hatte sie vermisst. Franziska Lachnit (2019)