TRADITION: Eine Institution wird 125 Jahre alt. Am 21.Mai wird von 10 bis 22 Uhr gefeiert.

Ein Leben ohne Café Profittlich ist für Dich … ?

… undenkbar!

Was wärst Du ohne das Café möglicherweise geworden?

Tja… vermutlich der normale Werdegang auf dem Gymnasium. Vielleicht hätte ich  studiert oder  eine Lehre gemacht – in der Verwaltung, einer Bank oder im Bereich Wirtschaft. Meine Mutter hat sehr darauf gedrängt, dass ich das Abitur machen sollte, aber ich habe mich nach der mittleren Reife selbst abgemeldet.

Ich werde Bäcker und Konditor – stand das für Dich immer fest?

Für mich war das klar! Meine Familie wollte eigentlich, dass ich studiere. Alle um mich herum in der Verwandtschaft haben studiert. Ich bin der Einzige, der Handwerker geworden ist. Ganz bewusst.

Was ist das Besondere an diesem besonderen Café?

Zwei Dinge: Dass man mit diesem Betrieb über Generationen hinweg seine  Familie ernähren und die Rhöndorfer Bevölkerung während der 125 Jahre verlässlich mit Brot versorgen konnte. Fleiß, Taktik und Raffinesse haben es möglich gemacht, dass keiner im Dorf Hunger leiden musste. Und das trotz der Weltkriege, Inflation und Wirtschaftskrisen. Und dass wir es immer geschafft haben, den Geschmack der Kunden zu treffen. Wir haben ja nicht nur Grundnahrungsmittel hergestellt, sondern auch Freude bereitet mit unseren Produkten. Das wird heutzutage immer wichtiger. Die Verbindung von Tradition und modernen Produkten! Leider haben fast alle Kollegen, die etwa in meinem Alter sind, ihre Geschäfte geschlossen. Die meisten der großen und bekannten Cafés sind inzwischen weg.

Café Profittlich ist ein Café, in dem die Zeit fast stehen geblieben zu sein scheint!

Ja, und das mit Überzeugung. Viele Kunden sagen, ‚ändern Sie nur ja nichts’! Ich habe Kunden, die nachweisbar schon in der vierten Generation bei uns kaufen. Zum Beispiel  gibt es eine Arztfamilie aus Königswinter, da war der Urgroßvater schon Stammgast bei uns im Café. Und die heutige Generation legt großen Wert darauf, dass wir nichts verändern.

Also kann man sagen: Das Erfolgsrezept ist die Tradition!

Ja, in Verbindung mit der Moderne! Man darf nicht stehen bleiben. „Am guten Alten in Treue halten und jeden Morgen mit frohen Sinnen Neues erfinden.“ Das war ein Spruch von Egidius Schneider, dem Gründer der Katholischen Landvolkhochschule in Rhöndorf. Ein Spruch, der von meinem Großvater, auch meinem Vater und von mir geschätzt und befolgt wird.

125 Jahre Café Profittlich – was galt denn immer in diesen Jahren?

Gute Qualität, vernünftige Produkte, erstklassige Zutaten. „Billig taugt nicht“! „Haus  der Qualität“ ist ja noch ein Werbeslogan aus der Vorkriegszeit von meinem Großvater. Denn es ist jeden Tag ein Kampf, die Qualität zu erhalten. Backen können viele und sicher auch gut, aber kontinuierlich gut sein auf hohem Niveau – klingt vielleicht ein wenig angeberisch – das können nicht viele. Die Herrentorte, unser Klassiker beispielsweise, die schmeckt so wie vor 50 Jahren. Da ist nichts verändert worden, höchstens zum Positiven. (… lacht)

Was bedeutet denn für Dich ganz persönlich Tradition?

Was die Alten gut gemacht haben, soll man nicht ändern, sondern beibehalten. Aber auch Neues erfinden oder Dinge der heutigen Zeit anpassen. Für mich bedeutet Tradition, die Werte unserer Vorfahren erhalten, ehrlich sein gegenüber dem Kunden, keinen Mist bauen wie man im Rheinland sagt. Wir stehen hier mit unserem Namen für unsere Produkte, für Frische, Qualität. Und dann ist auch der Preis eben ein bisschen höher.

Feuerwehr, Schützenverein, Politik in der CDU… Du bist hier offensichtlich nicht nur in eine Konditorentradition hinein geboren worden, sondern auch in diese Tradition.

Ja, ganz genau. Mein Vater hat mir von Kindesbeinen an beigebracht, wenn du hier Fuß fassen willst, hast du dich zu engagieren. Da wir Profittlichs oft ein lockeres Maulwerk haben und Kritik üben, hat mein Vater gesagt, das kannst du nur machen, wenn du dich auch engagierst und mitmachst, sonst nützt das nichts. Und das habe ich gemacht. Gut, dass ich dann zu so vielen Pöstchen gekommen bin, das ist dann halt so an so einem Ort. Alle diese Posten hatte eigentlich aber auch schon mein Großvater.

Weißt du wie viele Posten du hast?

Nicht  genau. (lacht…) Ich bin in 26 Vereinen Mitglied. Ich habe – glaube ich – zehn oder zwölf Ehrenämter. Ich weiß es aber nicht so genau. Aber viele auch mit Tradition. So bin ich bereits seit 25 Jahren beim VVS Verschönerungsverein Siebengebirge und z.B. Lehrlingswart der Bäckerinnung Bonn/Rhein-Sieg. Ein Ehrenamt, das auch schon mein Großvater 39 Jahre lang innehatte. Mein Vater hat den Job 15 Jahre gemacht und ich jetzt seit fast 25 Jahren – also rund 70 Jahre Lehrlingswart der Bäckerinnung in der Familie!

Wie stellst du dir deinen Lieblingskunden vor, wie muss er sein?

Der wiederkehrende Gast ist der Wichtigste. Nicht den Gast abzocken – er muss zufrieden sein und eben wiederkommen. Das Preis-Leistungsverhältnis muss stimmen und vor allen Dingen muss er Mundpropaganda für uns machen. Das ist wichtiger als jede Anzeige oder jede Festschrift. Wenn die Kunden über uns positiv reden –  in Köln, Bonn oder Düsseldorf – das ist für mich wichtig, weil Kunden damit Zufriedenheit demonstrieren.

Zufrieden sind die Kunden immer mit der legendären Herrentorte. Wie lange dauert es eigentlich sie herzustellen?

Die Herrentorte wird an zwei Tagen hergestellt. Am ersten Tag wird sie gebacken und gefüllt, dann muss sie durchziehen. Und am nächsten Tag wird sie mit Kuvertüre veredelt. Eine Maßeinheit sind dreieinhalb Stunden.

In wieweit ist die Herrentorte Familiengeschichte?

Mein Großvater hat sie mit Maraschino gefüllt. Das war damals angesagt zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg. Da wurden die hochwertigen Liköre auch in Cafés viel getrunken. Mein Vater hat dann im Krieg, weil Maraschino nicht zu bekommen war, auf Rum umgestellt. Und dabei ist es geblieben.

Beim Stollenrezept ist noch mehr Familiengeschichte drin. Das hat seine Wurzeln im Krieg, oder?

Ein Kamerad meines Großvaters im 1. Weltkrieg aus Zwickau war mit ihm im Frankreichfeldzug zusammen. Den hat er gebeten: „Wenn du heimkommst, dann schickst du mir mal von eurem sächsischen Stollen ein vernünftiges Rezept zu“. Das hat der dann auch gemacht und ja, so wird er auch heute noch gebacken. Das Originalrezept habe ich noch.

Wieviel Stollen gehen jedes Jahr in die Welt?

Zwischen zehn- und dreizehntausend..

Und wo liegt die entfernteste Destination?

Im vorletzten Jahr waren es 42, im vergangenen 38 Länder. Kapstadt… war es, glaube ich.

Welchen Traum hast du für Rhöndorf?

Dass sich Rhöndorf weiter auf so einem guten Niveau entwickelt. Dass die Gastronomie aktiv bleibt, dass wir weiterhin ein attraktives Naherholungsgebiet für die Städter aus Köln/Bonn sind. Und vor allen Dingen, dass hier Wohnen und Arbeiten statt findet, dass wir keine Schlafstadt werden. Kleinteiliges Gewerbe sollte unbedingt erhalten bleiben, Handwerker haben wir hier nur noch drei oder vier. Dann ein aktives Dorfleben. Das sind meine Ziele in der Kommunalpolitik. Deshalb ist auch ein Nahversorger ganz wichtig.  Die Orte sterben ja überall, hier in der Rheinschiene haben wir ja noch Glück, aber wenn man z.B. in den Westerwald geht, dann ist ja überall tote Hose. Die Menschen sollen sich hier wohl fühlen. Möglichst mehrere Generationen unter einem Dach.

Welchen Traum hast du für Dich?

Dass ich das Projekt Café Profittlich einmal in jüngere Hände geben kann, um dann meine vielen Ehrenämter in Ruhe zu genießen. Im Moment ist es ein bisschen hektisch.

Ist die Nachfolge geregelt?

Ich glaube, ja. Es steht zwar noch nicht fest, aber mein Neffe besucht gerade die Konditorenmeisterschule in Köln und ich hoffe, dass alles klappt und er gemeinsam mit seiner Frau hier die Tradition weiterführen kann.

Wie wird denn Café Profittlich in deiner Vision, in deinem Traum in 125 Jahren aussehen?

Ich hoffe, dass es noch da ist, dass es seinen Mann und seine Frau ernährt, eine Familie – das ist ja auch wichtig. Und dass wir immer noch Kunden haben, die Qualität zu schätzen wissen, deren Geschmacksnerven nicht von Fertigprodukten aus dem Supermarkt oder Fastfood irritiert und verdorben sind. Es weiß ja heute kaum noch jemand wie ein richtiges Brot, wie eine richtige Torte schmeckt. Bei uns wird noch jede Buttercreme aus Butter, Eiern und Zucker hergestellt und nicht mit einem Einheitsbrei aus der Tüte.

Freust du Dich, wenn Du in Rente bist, endlich mal ausschlafen zu können?

Das glaube ich nicht. Ich bin Frühaufsteher.

Wann steht der Bäcker Profittlich denn immer auf?

Im Moment so gegen vier halb fünf, während meine Mitarbeiter aber jeden Tag so gegen zwei Uhr da sind. Dafür habe ich Siebentagewoche. Aber ich schlafe ja auch mittags.

25, 30 Jahre lang bin ich auch um zwei Uhr aufgestanden. Freitags um elf, das war das schlimmste. Alle gingen ins Kino oder in die Disko und ich musste in die Backstube.

Das war nicht schön … nee dat war janz schlimm.  (lacht…)