Jeder hat einen Tick! Oder? Der eine tritt niemals auf die Fugen zwischen den Pflastersteinen des Gehweges; der andere macht genau das Gegenteil. Manche müssen alle Dinge im rechten Winkel anordnen. Manche kontrollieren zweimal, ob sie ihr Auto wirklich verriegelt haben. Und ich hänge meine Wäsche immer mit farbig passenden Wäscheklammern auf. Unvorstellbar, das nicht zu tun! Selbst wenn ich unter Zeitdruck bin, bringe ich es nicht über mich, die Klammern einfach wahllos aus dem Körbchen zu nehmen. Wenn ich zwei schwarze Klammern für ein Paar schwarzer Socken brauche, suche ich solange, bis ich zwei gefunden habe.

Und wenn ich keine mehr finde, dann sortiere ich die bereits verwendeten Wäscheklammern nochmals um – meinem Tick zu liebe. Meine Familie macht sich darüber lustig. Und meine Tochter hat einmal versucht, mich zu therapieren:  Sie hängte die Wäsche ohne Klammern oder ganz bunt durcheinander auf die Leine. Wahrscheinlich hatte sie insgeheim lediglich gehofft, ich würde sie wegen dieses Chaos‘ vom Wäscheaufhängen entbinden. Tat ich natürlich nicht, allerdings ordnete ich nachträglich das Chaos auf dem Wäscheständer. – Woher habe ich bloß diesen Drang, meine Wäsche unbedingt mit farbig passenden Klammern auf die Leine zu hängen? Als Kind und Jugendliche half ich meiner Mutter immer beim Wäscheaufhängen.

Wir standen beide im feuchten und meistens kühlen Wäschekeller unseres Hochhauses und suchten nach freiem Platz auf den Wäscheleinen. Manchmal mussten wir die trockene Wäsche anderer Leute abhängen und gefaltet auf einen Tisch legen, oder meine Mutter hängte die Wäsche mit Platz sparenden Tricks auf. Ich reichte ihr ein Wäschestück und die Klammern dazu. Um es spannender zu machen, suchte ich stets farblich zum Wäschestück passende Klammern aus. So legte ich wahrscheinlich den Grundstein zu meinem Tick. Franziska Lachnit (2018)