Vater

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Mein Vater wurde während des zweiten Weltkriegs als drittes Kind und Nachzügler geboren. Seine beiden Schwestern, meine Tanten also, waren bereits neun und elf Jahre alt.

Mein Großvater arbeitete zu der Zeit in aussichtsreicher Position einer Zuckerfabrik in Oberschlesien. Erst später musste er, wie fast alle Männer, an die Front – und geriet in Gefangenschaft. Noch etwas später musste meine Großmutter mit den drei Kindern sowie ihrer Mutter aus der Heimat fliehen.

Als mein Vater zur Welt kam, war es normal, dass man sich vor der Geburt eines Kindes noch nicht überlegt hatte, wie dieses heißen sollte. Man wusste ja auch nicht, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird! Diesmal war es ein Junge. Die großen Schwestern waren hellauf begeistert. Und was den Namen ihres kleinen Bruders betraf, so gab es für sie keinen Zweifel: „Peter!“

„Er soll Peter heißen!“ riefen beide im Chor. „Unser Peterle …“ flüsterten sie über seine Wiege gebeugt. Wahrscheinlich hatten die Mädchen Peterchens Mondfahrt oder Peter Pan gelesen und dachten, dass dieser Name mit märchenhaften Geschichten und einer traumhaften Zukunft verbunden wäre. Da ihr Bruder etwas Besonderes war und ihm ein märchenhaftes Leben gebührte, wäre der Name geradezu passend.

Ein paar Tage nach der Geburt des Sohnes radelte mein Großvater schnurstracks durch die winterliche Landschaft zum Standesamt – kann auch sein, dass man ihn dorthin chauffierte. Sehr entschlossen und mit väterlicher Autorität ließ er verlauten:

„Ich möchte meinen Sohn Wolfgang Friedrich als neuen Bürger anmelden.“ – Wie meine Tanten es aufnahmen, dass ihr Bruder nicht nach den verehrten Märchengestalten benannt wurde, weiß ich nicht. Wahrscheinlich waren sie traurig, aber mein Großvater hatte offensichtlich andere bedeutende Vorbilder im Sinn. Franziska Lachnit (2017)