Ein Blick in die Zukunft der Stadt von Heinz Jacobs

Seit April 2014 steht das Integrierte Handlungskonzept, kurz ISEK genannt, im Mittelpunkt der politischen Diskussions- und Entscheidungsprozesse in Bad Honnef. Vollmundig von seinen Verfassern „Masterplan“ genannt, bedient es hauptsächlich einseitige Interessen, derzeit vor allem die Wohnraumverdichtung im Zentrum der Stadt und schreckt sogar vor der Bebauung von identifikationsstiftenden Grünflächen und traditionsreichen Sportanlagen nicht zurück. Schon jetzt ist zu beobachten, dass (besonders ältere) Fußgänger in Stoßzeiten kaum durch die Bahnhofstraße gehen, ohne von Atembeschwerden geplagt zu werden.

Kürzlich versuchte nun Fabiano Pinto, verantwortlicher Geschäftsbereichsleiter Städtebau, das offensichtliche Legitimationsdefizit dieses Masterplans – Medienberichten zufolge – mit einer neuen Losung auszugleichen, indem er im Zusammenhang mit dem Förderprogramm für die Insel Grafenwerth den kühnen Ausspruch tätigte: „Wir sollten in Visionen denken…“ Kühn deswegen, weil es bei diesem Projekt vorrangig darum geht, Asphaltflächen zu entsiegeln, Wege zu verschmälern und das Spielangebot für Kinder und Jugendliche zu vergrößern.

Sehr löbliche und begrüßenswerte Maßnahmen – aber keine Entwürfe, die das Attribut „visionär“ verdienen, es sei denn, es ließe sich der Vorschlag der „Initiative Wirtschaft für Bad Honnef“ aus dem Jahr 2009 in die Planung einbeziehen, ein kulturelles Kooperationsprogramm über den Rhein hinweg zwischen der Insel und dem Arp-Museum zu entwickeln.

Visionär erscheinen immerhin die aus der Laga-Bewerbung gerettete Projektidee, eine neue Brücke von der Giradetallee ans Rheinufer zu bauen, oder der Vorschlag der CDU, einen Neubau des Siebengebirgsgymnasiums in Honnef-Süd zur Diskussion zu stellen, weil ansonsten die drohende Konkurrenz mit der neuen Gesamtschule St. Josef in unmittelbarer Nähe mittel- und langfristig zu erheblichen Einbußen der städtischen Traditionsschule führen dürfte.

Die Beispiele demonstrieren, dass Visionen der Kreativität und Phantasie bedürfen und des Mutes, vorgebliche Sachzwänge – zumindest theoretisch – zu übergehen und selbst phantastisch erscheinende und doch für realisierbar gehaltene Konzepte ernsthaft zu entwickeln.

Ob die folgenden sieben Projektvorschläge visionär genannt werden können, mögen die Leserinnen und Leser entscheiden. Sie verstehen sich jedenfalls als Ideen, die bewusst aus dem festgezurrten Korsett des Masterplans ausbrechen und den politischen Diskurs mit neuen Denkimpulsen motivieren und auf eine breitere Grundlage stellen möchten. Mögen sie genug Zündstoff bieten, um intensive und kontroverse Diskussionen auszulösen!

  • Erdwall entlang der Bundesstraße B42
    Es verwundert sehr, dass die Verantwortlichen in Stadtverwaltung und Stadtrat ernsthaft noch nie in Erwägung gezogen haben, einen Erdwall vom Stadtgarten aus entlang der B42 mit Aushub aus Baugruben zu errichten und anschließend zu bepflanzen. Könnte doch auf diese Weise ein Gutteil des Lärms und der Schadstoffe von der B42 und der Bahn aufgefangen werden. Außerdem dürften die Kosten überschaubar und die Realisierung nicht allzu zeitaufwändig sein.
  • Innovativer Lerngarten
    Ein solcher Erdwall in Höhe des nördlichen Teils des Stadtgartens könnte auch die Anlage eines Lerngartens für Kita- und Grundschulkinder beflügeln. Dieses Areal mit seinen verwunschenen Pfaden und seiner Mischung von urwüchsigen und kultivierten Flächen wäre ein ideales Terrain, um Stadtkindern Naturräume näher zu bringen: Sie könnten – angeleitet versteht sich – kleine Flächen bepflanzen und die Ergebnisse ihrer Pflanzarbeit im Verlauf des Jahres beobachten, Selbstgepflanztes ernten sowie Tiere erleben und beobachten, u.a. Igel, Eidechsen, Bienen, Schmetterlinge, Fledermäuse und rund 30 Vogelarten. Und die Stadt erhielte in ihrem Zentrum ein einzigartiges Bildungswerk von hoher Symbolkraft.
  • Wohnungswechsel
    Wohnungsbaugesellschaften, die in Bad Honnef über Mietwohnungen verfügen, könnten prüfen, ob sie dem Vorbild des Düsseldorfer Wohnungskonzerns LEG folgen und Senioren, die mit zunehmendem Alter von ihrer zu groß gewordenen Wohnung überfordert sind, anbieten, in eine kleinere Wohnung umzuziehen und die frei gewordene für junge Familien bereitzustellen. Die Unternehmen müssten allerdings zwei Dinge garantieren: eine finanzielle Entlastung und ein Weiterleben in einem gewohnten Umfeld.
  • Wechsel in der Wasserversorgung
    Das Trinkwasser bezieht Bad Honnef (und Unkel) aus eigenen Tiefbrunnen, die im Lohfeld angelegt sind und großflächig das Grundwasser aus den Niederterrassen des Rheins fördern. Falls die Stadt sich entscheiden könnte, diese Förderung aufzugeben und stattdessen das Trinkwasser aus der Wahnbachtalsperre bei Siegburg zu beziehen, gewönne sie eine große Fläche Gemeindeland, auf der sie einen ökologisch anspruchsvollen neuen Stadtbereich erstellen könnte, u.a. auch mit vielen sozial geförderten Wohnungen. Auch wenn die Stadt einen Teil ihrer Autarkie verlöre und die Bad Honnef AG eine Einnahmeressource, sollte das Für und Wider diskutiert und abgewogen werden, denn die Stadt erhielte dringend benötigte Bauflächen und die Bürgerinnen und Bürger besseres Trinkwasser.
  • Die Villa Edelhoff als Bürgerhaus
    Durch Spenden ansässiger Unternehmen könnte die Stadt oder eine bürgerorientierte Stiftung die Villa Edelhoff zurückkaufen. Würde dies gelingen, erhielte man ein repräsentatives Gebäude, das sich vorzüglich als Bürgerhaus ausgestalten ließe, das in Bad Honnef schon lange sehr vermisst wird. Es gäbe Räume, in denen sich die Bürgerinnen und Bürger aus unterschiedlichsten Anlässen treffen könnten, Räume für ein Stadtmuseum oder für Veranstaltungen, z.B. der Volkshochschule, aber auch für Möglichkeiten, Institutionen nach Honnef zu holen, die hier dringend gebraucht werden, z.B. die Verbraucherzentrale. Außerdem könnte das Parkgelände wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
  • Sozial geförderter Wohnungsraum in den Gebäuden des ehemaligen Katholisch-Sozialen Instituts (KSI)
    Nach der Verlegung des erzbischöflichen Katholisch-Sozialen Instituts auf den Michaelsberg in Siegburg Anfang 2017 stehen die Gebäude in Bad Honnef leer. Eine Neuvermietung scheint schwierig, der Leerstand dürfte zu Qualitätseinbußen der Gebäude führen. Böte es sich nicht an, mit dem Erzbistum Verhandlungen mit dem Ziel anzubahnen, die Gebäude in sozial geförderte Wohnungen umzubauen? Dieses Vorhaben scheint deshalb nicht aussichtslos, weil mit Kardinal Woelki eine Persönlichkeit an der Spitze des Erzbistums steht, die sozialen Maßnahmen gegenüber sehr aufgeschlossen ist. 
  • Untertunnelung (Troglösung) bzw. Übertunnelung der B42

Die Bundesstraße B42, Lebensader der Stadt und zugleich ihr Ärgernis, entlang dem städtischen Gebiet so einzufassen, dass der Lärm eingeschlossen und die Schadstoffe kanalisiert und möglicherweise sogar gefiltert werden, wäre eine hervorragende Idee! Leider kann diese aus rechtlichen und finanziellen Gründen nicht von der Stadt realisiert werden – hierfür müsste Kontakt mit weiteren Behörden/Ämtern aufgenommen werden.  Gäbe es die Möglichkeit, dürfte eine Übertunnelung die größeren Chancen haben, weil sie technisch einfacher und preisgünstiger zu errichten ist. Die Vorteile für beide Varianten wären immens: Die Stadt erhielte (endlich wieder!) auf breiter Fläche Zugang zum Rhein und neue Areale, die sich für Erholung, Sport und Spiel geradezu anböten.

Foto: Pixelio