1,8 Sekunden auf den Sieger am Ende eines 23km langen Zeitfahrens mit 200 Höhenmetern sind knapp, aber trotzdem vorbei am Titel. Ende August dieses Jahres trafen sich die Radsport-Amateure aller Welt im italienischen Varese, um ihre Weltmeister zu ermitteln. Vor 18 Jahren hatte ich es geschafft: Weltmeistertitel im Zeitfahren! Damals in der Klasse der 30-Jährigen. Dieses Jahr wollte ich es wieder versuchen – in der „reifen“ Klasse der 50-Jährigen. Als Halbitaliener reizte mich die WM im Mutterland natürlich sehr. Meine Vorbereitung begann bereits letztes Jahr beim Qualifikationswettkampf in Varese Ende September.

Ja, für die WM muss man sich bei verschiedenen Qualifikationswettkämpfen, die rund um den Globus ausgetragen werden qualifizieren! Ich fuhr unter Wettkampfbedingungen auf der Strecke und wurde hinter dem Italiener Nicoletti Zweiter. Meine Zeit damals 30:01, die vom Sieger 29:17. Die Strecke lag mir, ich setzte mir das Ziel, bei der WM eine Top-Ten Platzierung einzufahren und träumte vom Podium. Jetzt galt es, alles in der eigenen Macht stehende dafür zu tun. Die Strecke und das Material wurden analysiert, der Jahrestrainingsplan aufgestellt.

13.000 Trainingskilometer und 530 Trainingsstunden später war der Tag gekommen. Die letzten 3 Monate hatte ich quasi „im Tunnel“ gelebt: das Trainingspensum erhöht; genüssliche Verlockungen aus dem Kühlschrank verbannt; Massage und Physiotherapie in Anspruch genommen; nächtelang im Höhenzelt bei 35+ Grad geschwitzt, um die roten Blutkörperchen zu erhöhen; am Material getunt und trainiert, trainiert, trainiert. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, die Form war da. Spät, aber gewaltig.

Selten war ich in den letzten Jahren so fit. Ich hatte meinen Körper ausgereizt und mein Material auch. Natürlich war die Nervosität und Anspannung vor dem Wettkampf groß. Zum Sonnenaufgang lockerte ich die Beine bei einer halbstündigen Ausfahrt. Unmittelbar vor dem Wettkampf fahre ich mich auf der Rolle warm. Gequetscht in den hautengen Einteiler checke ich die Zeitfahrmaschine und schicke ein Stoßgebet zu den Göttern. 15:00 Uhr und „Start“! 23km auf der „Rasierklinge“. Nicht „überziehen“, um nicht „zu platzen“. Nicht zu „locker“ fahren, um keine Zeit liegenzulassen. Konzentriert im Hier und Jetzt! Nach 3km checke ich die Zeit: Ich bin auf Kurs! Jetzt 9km bergauf.

Ich trete, schnaufe und versuche die optimale aerodynamische Position nicht zu verlassen. Wendepunkt – ich bin gut unterwegs, sehr gut! Kurz darauf hole ich den vor mir gestarteten Fahrer ein: Das gibt Mut! Ab jetzt nur noch leicht bergab … Dann eine gefährliche Kurvenkombination und ein Tunnel. Vorbei an der Poretti Brauerei, durch die Malzgeruchswolke. Vorbei an der Lindt-Fabrik. Jetzt noch 3km. Ich kann eine Wahnsinns-Zeit schaffen.

Ich quetsche mich wie im Koma über die Ziellinie: 28:59! Bestzeit. Ausgepowert warte ich im Zielraum: Was schaffen die Favoriten? – Nicoletti, Italien 29:20 – Nunez, Costa Rica 29:07 – Swinand, USA (Vorjahresweltmeister) 29:19…Man klopft mir schon auf die Schulter. Aber dann kommt der Kanadier Bruce Bird ins Ziel und lässt die Uhr bei 28:58 stoppen. Dieser Übermensch unserer Klasse gewinnt 2 Tage später auch das Straßenrennen, wird der erfolgreichste Sportler der WM und sammelt seit 2014 in Folge Titel. Immerhin konnte ich ihn wackeln lassen auf seinem Treppchen. Laut offizieller Ergebnisliste liegen 1,8 Sekunden zwischen Weltmeister- und Vizeweltmeister. Bin ich enttäuscht? – Ein bisschen. Aber letztendlich bin ich stolz und glücklich.                    Alberto Kunz/ il Diavolo Bad Honnef