Wachgeküsst – Flucht nach vorn oder planvolle Entwicklung

Wer nach vorn schaut und plant, glaubt an Zukunft. Für sich selbst, für Andere, für die Kinder. Die Augenblicke, wo alles so bleiben soll, sind selten: Hochzeitskuss, Meisterschaft, Kindstaufe, Sonnenuntergang. Meist geht es jedoch um Entwicklung, Veränderung, Wandel.

Bad Honnef ist wieder so weit, dass es Visionen hat. Vokabeln des Optimismus machen die Runde – Aufbruch, Ende des Stillstands, Zukunft eben. Die Stadt beschäftigt sich damit, was sie tun will, wie sie werden will, was dazu nötig oder sinnvoll ist. Dass Bad Honnef das wieder kann, ist gut. Es macht sogar Spaß. Zumindest solange miteinander gesprochen wird, konstruktiver Wille und Wertschätzung gelten.

Natürlich will jede Kommune eine bessere Zukunft. Das Besondere in Bad Honnef ist, dass dort in der Tat gründlich geplant wird. Nicht hier mal einen Acker betonieren oder dort ein Zelt aufbauen für Flüchtlinge. Es gibt fortgeschrittene konkrete Vorstellungen zu einem Stadtentwicklungskonzept, und dieses ISEK wird sehr bald geltende Richtschnur. Jedenfalls ist bereits festgelegt, wann und wie ISEKs Maßnahmen priorisiert werden. In einem Prozess, in dem wieder Bürgerbeteiligung stattfindet. Bei Stadtmarketing, Honnefer Dachmarke und Onlinevermarktung treffen sich die Beteiligten schon zum Probelauf, der einen tragfähigen kompletten Vorschlag präsentiert. Politik, Geschäftsleute, Wirtschaft und Verwaltung beraten gemeinsam im Rathaus ein großes reales Maßnahmenpaket – wahrlich neue Wirklichkeit, neue Übung.

Bei manchen Themen kann die Stadt noch von Nachbarn lernen. So weiß Jede und Jeder, dass andere Kommunen viel größere Gewerbegebiete haben. Wo will Bad Honnef da landen, was will es zulassen, wo will es um Ansiedlung welcher Wirtschaft werben? Selbstverständlich lohnt sich Weitblick immer, doch zunächst rufen Leerstände in bestehenden Gewerbegebieten und Großimmobilien (Heideweg, Rottbitze, Ex-KaSoZi, Uhlhof, TXL) nach neuen Nutzern. Der Rhöndorfer Businesspark gab kürzlich auf und beantragt nun eine sehr intensive Wohnbebauung, die in kaum einer Weise mehr zum Gesicht des Ortsteils passt. Zudem steht die City nach dem Aus für Kaiser‘s jetzt ohne jeglichen zentralen Lebensmittelversorger da. Man merkt es: Die Innenstadt ist deshalb leerer geworden, klappt früher die Bürgersteige hoch. Gleichzeitig wollen zwei Sortimenter bauen – davon einer wieder „außerhalb“ – von denen jeder weiß, dass Honnef so viel nicht braucht. Vorprogrammierte Kannibalisierung.

Wirtgen-Akademie, Confiserie Coppeneur im gut bestückten Gewerbegebiel Dachsberg, Gesamtschule Sankt Josef, Edeka Klein, VW Klinkenberg, Beefer und seit langem schon HIT-Markt zeigen, dass es anders geht. Gut geplant, kontinuierlich entwickelt. Erfolg über Qualität. Oft Klasse statt Masse. Das passt zu Bad Honnef. Denn hier wohnen und arbeiten vorrangig dienstleistende Menschen. Gern auch mit etwas Geld samt dementsprechender Ansprüche. Ansprüche, denen eine Stadt ohne entsprechende Schulangebote eben nicht reicht. Spezifische Bedürfnisse, Vorlieben wie z.B. das Leben in viel Natur mit hoher Qualität – und zum Beispiel zahlreichen Parks. Eines gilt ganz bestimmt nicht: Honnefs Menschen sind leicht zufrieden zu stellen. Mitnichten.

Woraus dann Vorschläge folgen wie eine „kleine Markthalle“ im ehemaligen Kaiser’s. Oder auch dezidierte Ablehnungen wie bei Tempo 30 in der Kardinal-Frings-Straße, beim Verlust von Hockey- und Bolzplatz in Selhof, bei einer Bebauung des Stadtgartens oder bei der irritierenden Retro-Planung einer flotten Fahrrinne im Floßweg. Abwegige Argumentationen werden schneller durchschaut: Selbstverständlich sind pollergeteilte Wohnstraßen auch in anderen Kommunen probates Mittel der Verkehrsberuhigung. Zu Recht, oft, erfolgreich . Und natürlich gehen Parkgebühren ohne ausgegorenes Konzept in die Ehrenrunde. Wer selbstbewusste Bürger will, muss mit genau diesen auch leben können.

Besonders schwierig wird das beim Plan, die Stadt zu starkem Wachstum zu animieren. Nicht in der Qualität – denn die ist ja gewollt – sondern über starken Zuzug. Ein Wille zu quantitativer Aufstockung, womöglich zur Füllung heute leerer City-Geschäfte mit Kunden? In einer Stadt, in der gerade 70 Prozent der Kaufkraft ihrer eigenen Bürger  ausgegeben werden? Die auswärtige Kunden noch nicht genügend anzieht und hiesige noch nicht wirklich zu binden vermag? Während Siegburg 140 bis 160 Prozent seiner Kaufkraft als konsumtiven Umsatz verbucht – ohne riesige Parkplätze, sondern über beste Anbindung per Öffentlichem Personennahverkehr. Was werden die heutigen Honnefer sagen, wenn sie ihre Stadt einst zugebaut wiederfänden? Wenn sie hohe Lebens- und Umweltqualität weg wäre. Vorhaben wie die „Verbindung von privatem und öffentlichem Grün“ sich als Phrasen erwiesen?

Abschließend kurz zum Rechnen: 27 Hektar möglichen Baulands gibt es noch innerhalb der heutigen Siedlungsgrenzen, weitere 27 außerhalb unter Hinzuziehung des heute noch grünen Honnefer Südens samt sämtlicher übrigen Ressourcen. Auf den Hektar lassen sich 20 Einfamilienhäuser kalkulieren, jedes mit durchschnittlich drei Bewohnern. Macht aufgerundet 55X20X3=3.300. Die auch bei teilweiser Geschossbauweise nie rechnerisch über 4.000 kommen. Das alles jedoch nur unter den irrealen Voraussetzungen der Nicht-Existenz von Scheidungen, ausziehenden erwachsenen Kindern, Trend zu mehr Quadratmetern für den Einzelnen etc.. Denn diese Faktoren verlangen zusätzlichen Wohnraum. Wer unter solchen Vorzeichen auch bei radikalem Ausquetschen der letzten Fläche „3.000plus“ als Zuzugsquote postuliert, ist mutig. Wer von 5.000 redet, sollte dies mit Realitäten abgleichen. Bad Honnef bietet viel für Wachstum – besonders in der Qualität. bh