Zwei Frauen

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1805

Sie trafen sich gelegentlich bei Festen. Es waren die Feste der Familie der einen und der Freunde der anderen. Weitere Berührungspunkte gab es damals nicht. Bis zu dem Jahr, als die jüngere der beiden heiratete und die Ältere Witwe wurde. Ob eines mit dem anderen zu tun hatte oder nicht, auf jeden Fall nahm weder die eine noch die andere mehr an den Festen teil, bei denen sie sich zuvor regelmäßig über den Weg liefen.

Stattdessen begegneten sie sich ab sofort häufig auf der Straße. Die eine auf dem Heimweg und die andere unterwegs in die Stadt – oder umgekehrt. Sie grüßten sich. Sie wechselten höflich Worte. Sie blieben stehen und begannen Gespräche. Aus den Gesprächen auf der Straße wurden Verabredungen im Café. Und so begann eine besondere Freundschaft. Sie erzählten sich das, was sie zuvor nur engsten Vertrauten erzählt hatten. Sie tauschten sich über Gefühle und Erfahrungen aus, als würden sie sich bereits ein Leben lang kennen.

Dass sie keine gemeinsame Vergangenheit hatten, war vielleicht der Grundstein ihrer gegenseitigen Offenheit. Wer weiß? – Aber dann meinte das Schicksal, mal wieder Göttin spielen zu müssen und legte dunkle Wolken über den Tag, über das Leben. Eine der Frauen wurde von der Dunkelheit verschluckt. Die andere Frau sah einen Schatten verschwinden. Sie streckte noch den Arm aus, um die Freundin zu halten.

Aber wer kann einen Schatten schon festhalten? …  Dennoch gibt es immer wieder Tage, an denen aus dem Schatten ein Mensch wird. Eine Frau, die zuversichtlich dem Sonnenlicht entgegenblinzelt und sich mit ihrer Freundin im Café trifft. Gemeinsam feiern die zwei Frauen dann den Augenblick und ihr ganz persönliches Fest! Franziska Lachnit 2018