Hoffen auf Normalität

Fast alle Dinge, die Spaß machen, sind verboten. Was uns bleibt ist der Traum vom ganz normalen Leben, in dem wir beispielsweise unbesorgt Bus oder Bahn fahren, Freund*innen treffen, Urlaub machen, oder Kunst und Kultur genießen. Ganz normale Dinge eben, wie Verwandte besuchen, Bier trinken in einer gemütlichen Kneipe, im Restaurant essen gehen, unbesorgt Bus oder Bahn fahren, beim Einkaufen ohne Angst einen Korb benutzen, Feiern, Party machen, Schwimmen im Freibad, Verreisen, küssen und kuscheln, in einem Kinosessel versinken, Hauspartys organisieren, ins Theater und in Ausstellungen gehen. Was passiert mit uns? „Die Menschen sorgen sich zwar über die Ungewissheit der weiteren Krisenentwicklung, zeigen sich aber sich trotzdem gelassen, das Beste aus dem Leben machen zu können“, sagt Zukunftsforscher Horst Opaschowski. „In meiner Repräsentativstudie über die semiglückliche Gesellschaft in Deutschland komme ich zu dem Ergebnis: Viele Menschen werden ärmer, aber nicht unglücklicher. Denn ihr Wohlstandsdenken verändert sich. Wohlstand wird immer mehr zu einer Frage des persönlichen und sozialen Wohlergehens. Beziehungsreichtum in Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis wird der neue Wohlstand. Zeit wird so wertvoll wie Geld. Und ohne Gesundheit ist fast alles nichts wert. Besser leben statt mehr haben wird zum erstrebenswerten Lebensziel. Zugleich verändert die Pandemie unsere Lebenseinstellung nachhaltig. Beim Konsumieren und Geld ausgeben werden wir maßvoller und bescheidener. Ein sich ausbreitender neuer Postmaterialismus sorgt für mehr Versorgungs- als Erlebniskonsum. Und die Menschen haben dabei trotzdem das beruhigende Gefühl: „Ich vermisse nichts“. Oder doch? Wir haben uns umgehört: „ Auf was freust du dich am allermeisten, wenn die Pandemie vorbei  ist?“ Rudi Gilbert, Dom Kapitelhof: „Endlich wieder rauskommen und mit Freunden feiern. Mir fällt langsam die Decke auf den Kopf“. Carsten Schmitz, Hotel Hoff: „Endlich wieder auf dem Ziepchensplatz feste Feste feiern“. Philomena Archut, Unternehmerin: „Mit meinen Freunden auf dem wunderschönen Marktplatz gemütlich essen, trinken und quatschen.“ Ede Wolf, Architekt: „Auf das erste frischgezapfte Pils an der Theke meines Vertrauens im Vierkotten.“ Dirk Pütz, Inhaber HIT Markt: „Gemütlich mit Freunden draußen ein Gläschen Wein trinken und über Gott und die Welt diskutieren“. Hans Hatterscheid, Gastronom: „Ich freue mich auf ein leckeres Frühstück mit Familie und Freunden in meinem Anleger 640.“ Laura Hofmann, Grüne: „ Was mir echt fehlt, sind Highlights. Worauf freut man sich, wenn nicht auf den nächsten Urlaub, die Geburtstagsparty, die Verabredung im Lieblingsrestaurant“? Die Antworten zeigen deutlich auf, was den Menschen an die Nerven geht, was sie enorm bedrückt: Die soziale Isolation. Der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen und braucht physische Kontakte wie das tägliche Essen und Trinken. Da hilft auch keine minütliche Erreichbarkeit via Smartphone und kein Skypen am häuslichen PC. bö

Foto: Der Spass an der Freud wird schmerzlich vermisst